Vamos Cienciano

von Michi Fuchs

Während an diesem Samstag in der Bundesliga der vorletzte Spieltag ausgetragen wurde, machte ich mich mit drei weiteren deutschen Mitstreitern (einem Werder- und einem Gladbach-Fan, sowie einem gänzlich Fußball-Uninteressiertem - sehr komisch) auf den Weg zu meinem ersten Stadionbesuch in der alten Inkahauptstadt Cusco. In der Stadt gibt es zwei Erstligateams: das populärere und traditionellere Cienciano und das erst 2009 gegründeten Real Garcilaso. Das Derby der beiden am vorherigen Spieltag habe ich leider verpasst, sodass ich mich heute mit der Partie Cienciano gegen Universitario Lima „begnügen musste“.
Club Sportivo Cienciano wurde 1901 als Universitätsmannschaft des von Simon Bolivar gegründeten Colegio Nacional de Ciencias y Artes ins Leben gereufen. Der Verein konnte als bislang einziges peruanisches Team die Copa America (2003 gegen River) gewinnen. Als Heimstätte dient Cienciano das auf über 3400m gelegene Estadio Inca Garcilaso de la Vega. Dieses ist nach einem der wichtigsten Personen aus Cusco benannt - Inca Garcilaso de la Vega, der sich vor allem mit der Geschichte der Inkas und der Eroberung durch die Spanier beschäftigte. Das 42.000 Zuschauer fassende Inka-Stadion war an diesem Samstag allerdings gerade mal zu einem Drittel gefüllt, obwohl der Gegner aus Lima eine der populärsten und erfolgreichsten Mannschaften des Landes ist.
Auf dem Weg zum Stadion kauften wir uns unsere Tickets auf dem „Schwarzmarkt“. Allerdings muss man dazu sagen, dass nahezu alle Tickets über diese zwischengeschalteten Straßenhändler verkauft werden. Diese schlagen auf den eigentlichen Preis von 15 Nuevos Soles lediglich nochmal einen Sol drauf. Bei einem Wechselkurs von 1: 3,3 kosteten uns die Karten für die Fankurve also nicht einmal 5€.
Im Innenbereich der Arena, die wie ein antikes Amphitheater und etwas baufällig wirkt, ist uns besonders die hohe Polizeipräsenz aufgefallen. Dabei handelte es sich bei den etwa 200 Hinchas (so werden die leidenschaftlichsten Fans in Peru genannt) hauptsächlich um Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren.
Eine Erklärung für die wenigen und größtenteils sehr jungen Zuschauer, könnte der Zeitpunkt des Spiels gewesen sein. In Peru ist es völlig normal, dass man auch am Samstag bis um ca. 14 Uhr arbeitet. Das Spiel wurde jedoch bereits um 12.30 angepfiffen, um den Gegnern aus dem tiefer gelegenem Lima neben dem Nachteil der Höhe zumindest die starke Nachmittags-Sonne zu ersparen.
Der Verlauf des Spieles ist wenig erwähnenswert. Cienciano nutze eine der ganz wenigen Strafraumszenen in der 31. Minute zum einzigen Treffer des Tages. Das Niveau der Partie war über weite Strecken erschreckend schlecht, sodass ich mich ganz den Fans auf den Rängen widmen konnte.
Die organisierten Fans von Cienciano nennen sich Furia Roja – die rote Bestie – und machten während der gesamten 90 Minuten, sowie in der Halbzeitpause richtig Stimmung. Utensilien wie Fahnen oder Banner gibt es dabei kaum. Auch Schals sind Fehlanzeige. Die meisten Hinchas tragen ein Trikot des Teams, vereinzelt waren auch Fischerhüte zu sehen. Zu den wirklich gut abgestimmten Gesängen gab es zwischendurch auch immer noch einige Pogo-Einlagen, was wir so alle noch nirgends gesehen habe. Auffällig war zudem die teilweise doch sehr ausfälligen Texte. So wurden der Gegner oder der Schiri permanent grob beschimpft (hiocho de puta, la concha de su madre es la salud de mi padre...). Es gab aber auch klassischere Texte, wie Vamos Cienciano, esta tarde, tenemos que ganar (Auf geht’s Cienciano, heute Nachmittag müssen wir gewinnen). Im Gegensatz zu bisherigen Erfahrungen zeigten sich die von zahlreichen Polizisten eingekesselten Fans mir gegenüber leider nur wenig gesprächsbereit. Nach dem viertem Versuch, ein Gespräch zu beginnen, um so mehr über die Fankultur zu erfahren, ließ ich es schließlich gut sein.
Nach dem Spiel hatten es alle Fans sehr eilig, aus dem Stadion auf den nahe gelegenen Plaza Tupac Amaru zu gelangen, um dort weiterzufeiern. Dabei hinterließen sie im Stadion extreme Mengen an Müll, welche jedoch direkt von Reinigungskräften beseitigt wurden.
Der Besuch meines ersten peruanischen Profi-Spiels hat eines gezeigt: Stimmungstechnisch können die Inka-Nachkommen sich durchaus sehen lassen, das fußballerische Niveau ist allerdings bestenfalls auf Regionalliga-Level anzusiedeln.


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