Ukrainische Erlebnisse und Erfahrungen

von Andreas König

Nach der Champions- und Europa-League für die erste Runde nach der Gruppenphase fiel meine Wahl auf die Ukraine ohne dabei viel über die Temperaturen zu dieser Zeit im Februar nachzudenken. Nach der Terminierung des Ruhmreichen wurde dann Zug um Zug gebucht. Die Destinationen der Flüge standen schließlich fest und bald darauf auch die Übernachtungen. Nach dem Heimsieg gegen Duisburg ging es mit dem ICE nach Hannover, um von dort am nächsten Morgen gen Kiew mit Wizzair zu fliegen. Das kurzfristig gebuchte Hotel gab uns zwar ein Raucherzimmer, aber glücklicherweise musste dies nur eine Nacht genutzt werden. Dank des freundlichen Personals an der Rezeption konnte in der Früh problemlos der Bus gen Flughafen genommen werden.
Ohne besondere Vorkommnisse verlief der zweistündige Flug mit Wizzair gen Kiew und dem dortigen stadtnahen kleinen Flughafen. Der Vergleich mit Flugzeiten gen England, Spanien, Italien zeigt, dass man auch problemlos in zwei Stunden statt in Rom, Madrid auch in Kiew sein kann.
Die erste kleine Schwierigkeit bildete der Bankautomat und die herausgegebenen Scheine. Wie ich im Laufe der Tage lernen sollte, gibt es von recht hohen Beträgen in Scheinen auch sehr kleine und dieser kleinen Scheine bedurfte es im Bus. Am Ende des Kaufvorgangs hatte ich gefühlt eine komplette Sammlung verschiedener kleiner Scheine der Hyrwnja in der Hand. Jeder, der mal Filme, die in der Sowjetunion gespielt haben, geschaut hat, kennt die Oberleitungsbusse. So einer brachte mich trotz meiner Nullkenntnis der kyrillischen Buchstaben etc. in das Stadtzentrum. Nach einer kleineren Suche war das Etagenhotel gefunden. Dabei half uns die freundliche „Blockwärtin“, die unser Haus beobachtet. Das Büro erinnerte mich an Aufpasserbüros aus alten Filmen über die CCCP. Die Aussicht aus dem Fenster auf die Oper entschädigte einen jedoch für die Suche. Im Vornherein habe ich einiges über Kiew erfahren und habe mich natürlich gleich auf den Weg gemacht, um die Stadt zu erkunden. Dass dabei auch das Essen auf der ToDo-liste mit ganz oben steht, ist selbstverständlich. Immerhin gab es in der Hauptstadt auch englische Speisekarten und ich konnte ein kleines Menü mit Suppe, Hauptgängen und Bier bestellen. Hierbei wurde ich auch gleich mit Knoblauch konfrontiert. Am Ende werde ich gefühlt noch nie in meinem Leben so viel Knoblauch in einer Woche gegessen haben, aber es war sehr lecker. Neben dem Bier stand kurze Zeit später natürlich ein Borscht vor mir auf dem Tisch. Dieser wurde mit ganzen Knoblauchzehen, Knoblauchsauce, Speck und Brot als Beilagen serviert. Alleine bei dem Geschmack und dem Duft des Essens läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Das Chicken Kiew als Hauptgang war selbstverständlich auch sehr lecker und die im Nachgang noch bestellten Piroggen mit Sour Cream deuteten an, was in den kommenden Tagen kulinarisch auf mich zukommen würde. Im Laufe des Essens gönnte ich mir auch einen Wodka zu dem ganzen Bier. Alles in allem war das Essen aber ein bisschen teurer, da es Einzeln und nicht im Mittagsmenü bestellt wurde. Mit dieser Stärkung im Magen marschierte ich durch die Innenstadt, die es mir im wahrsten Sinne des Wortes angetan hat. Sobald ich mein Handy oder meine Digicam – v.a. auf dem Maidan – hervorgeholt habe, kamen gleich einheimische Souvenirverkäufer zu einem, um z.B. in ukrainischen Landesfarben gehaltene Armbänder o.ä. für die gefallenen Helden der Revolution anzubieten. Der Versuch wurde auch auf Englisch unternommen. Durch das intensive Studium meines Reiseführers wusste ich auch, dass BabjiJar nur vier U-Bahnhaltestellen vom Stadtzentrum entfernt ist. Dass es in der Umgebung von Kiew liegt, wusste ich, aber dass es so nahe ist, war mir unbekannt. Somit ging es für mich mit der Metro zu der Gedenkstätte, wo es trotz der Nähe zu größeren Straßen rund um das Mahnmal recht ruhig war. Der Schnee sorgte bei mir noch für eine zusätzliche Gänsehaut. Den kulturellen Abschluss des Tages bildete ein Besuch einer weiteren orthodoxen Kirche.
Da es am nächsten Tag nach Kharkiw gehen sollte, wurde vorher noch einmal der Busbahnhof angefahren, um sich mit den gesamten Gegebenheiten bekannt zu machen. Im Vergleich zum Vortag endete die Nacht viel zu früh, aber es war eben so geplant, also ging es gen Busbahnhof. Trotz geringer Sprachkenntnisse wurde der Bus auch gefunden und das nächste Abenteuer wartete auf einen. Knapp sieben Stunden in der letzten Reihe des Busses durch die Ukraine von Kiew nach Kharkiw. Leider konnte ich in dem Reisebus, der mich an Ausflüge zu Zeiten meiner Schulzeit erinnerte, nicht richtig schlafen. Nach einer gewissen Zeit drehten wir erlaubterweise mitten auf der Autobahn, um auf der anderen Seite eine kurze Pinkelpause zu machen. Intensiver mit dem Trinken habe ich mich auf der Busfahrt erst kurz vor Ende beschäftigt, da es in dem Bus keine Toilette gab. Nach Erfahrungen aus Irland und Nordirland habe ich von einer Bitte um eine mögliche ungeplante Pause abgesehen und einfach nichts getrunken. Kriegerische Auseinandersetzungen, Checkpoints o.ä. habe ich auf der Fahrt nicht mitbekommen, jedoch lässt sich für das gesamte Land sprechen, dass das Militär oder Uniformträger präsent waren. Der Fahrstil des Busfahrers jagte mir doch ab und zu den ein oder anderen Schauer über den Rücken, aber am Ende bin ich wohlbehalten angekommen. Die Rückfahrt am nächsten Morgen war ursprünglich für 06:00 Uhr angedacht, daher ging es rasch mit der Metro Richtung Stadt und zu unserer heutigen Übernachtungsherberge. Unser Yellowhotel lag in einem nicht geräumten Innenhof und dementsprechend war dieser Bereich komplett vereist und schneebedeckt. Außen hingen noch Thaimassageplakate an und die Rezeptionistin entsprach jeglichem Frauenklischee aus dem slawischen Raum. Nur sprach sie leider kein Englisch, aber eine Verständigung mit Händen und Füßen klappte dann doch. Nach einer Dusche und kurzen Pause ging es auf die Suche nach etwas Essbarem, während wir mehrmals vor den Schachtjarfans gewarnt wurden. Lustigerweise übernachtete auch eine Gruppe Romanista in unserer Herberge. Im Gegensatz zu Kiew gestaltete sich die Suche etwas schwieriger, da es einfach eine geringere Auswahl an Lokalen gab. Nach zwei Pleiten war die dritte Kneipe ein nettes Pub mit gutem Bier und fettigen Würsten. Diese waren zwar sehr lecker, aber doch ein wenig zu fett, da ähnlich der tschechischen Klobasa ganze Fettstücken in der Wurst waren, was dann doch nicht mehr so lecker war. Gestärkt ging es mit der Metro gen Stadion. Interessanterweise ist dort ein Schwarzfahren nicht möglich, da es immer ein Dreibein o.ä. gibt, welches mit Ticket, Tocken o.ä. in Bewegung gesetzt werden muss. Die U-Bahnen sind teilweise auch ziemlich tief unter der Erde und meist so, wie man es sich vorstellt aus der \"guten alten\" Zeit. Beim Ausstieg aus der U-Bahn fiel mir auf, dass ich von einer ukrainischen Nummer angerufen worden war und beim Rückruf stellte sich heraus, dass der Bus am kommenden Morgen ausfällt und es entweder einen Bus um halb eins oder einen um 17:00 Uhr am Folgetag gab, was für mein Abendspiel in Kiew viel zu spät wäre. Der Bus um halb eins würde nicht gehen, da es nicht möglich war, vom Stadion ins Hotel und dann zum Busbahnhof zu schaffen. Dementsprechend angespannt ging es gen Stadion, aber immer noch mit der Sicherheit eine Lösung am nächsten Tage zu finden. Statt auf dem Sekundärmarkt erstand ich ein Ticket am offiziellen Kassenhäuschen und trotz einer recht späten Ankunft etc. war ich mit Anpfiff in meinem Block und konnte meine geliebte Roma sehen. Die erste Halbzeit gehörte klar den Gästen aus Rom, die auch folgerichtig den Führungstreffer erzielen konnten. Die zweite Halbzeit war genau das Gegenteil und die Roma konnte sich bei ihrem starken Torhüter Alisson Becker bedanken, dass es nur 2 Gegentore waren und es somit noch recht gut mit dem Weiterkommen aussah. Der Sieg wurde später im Rückspiel mit einem 1:0 Heimsieg auch perfekt gemacht. Ein wenig enttäuscht machte ich mich auf den Rückweg gen U-Bahn und Hotel, jedoch war die direkte U-Bahnhaltestelle gesperrt, so ging es gen Busbahnhof, um von dort mit der Metro zum Hotel zu fahren. Eine Internetrecherche förderte eine Zugverbindung zu Tage, für die es aber keine Tickets mehr zu kaufen gab. Unsicher, ob der Zug bereits ausgebucht o.ä. ist, ging es kurz nach 06:00 Uhr gen Bahnhof. Dort sprach niemand englisch und das internationale Ticketbüro sollte seine Pforten erst um ca. 08:00 Uhr öffnen. Dank einer pantomimischen Korrespondenz stand ich auf dem Gleis und meine Hilfe sollte ein georgischer Pressevertreter sein, den ich dank seiner Akkreditierung ansprach und er dafür sorgte, dass ein Schlepper die Schaffner belaberte und ich einsteigen konnte, aber in der Nähe des Bordbistro warten musste. Die nächste Stunde verlebte ich in einem gewissen Panikgrad, da ich nicht selbst die Kontrolle über die Zeit hatte und die Angst mitschwamm, dass ich irgendwo rausgeschmissen werde und nicht weiß, wie es dann weitergeht. Glücklicherweise löste sich das alles in Wohlgefallen auf und nach dem ersten Halt wurde mir von dem freundlichen Schaffner ein Sitzplatz zugewiesen und die Anspannung fiel wie ein kleiner Steinbruch von mir ab. Dösend und lesend verbrachte ich die Fahrt gen Kiew, die unspektakulär endete. Aber ein ausgefallener Bus und der Platzerwerb über dritte war schon ein kleines Abenteuer.
Am Abend stand dann noch das Europaleaguespiel zwischen Dynamo Kiew und AEK Athen auf dem Plan. Während das Ticket beim CL-Spiel am Vortag knapp unter 30 € gekostet hat, kostete mich das EL-Ticket ca. 4€. Von den Fans von AEK war auch der Hannoveraner Fanclub vor Ort. Leider gab es auch hier ein paar Menschen mit deutlichen Ausfallerscheinungen. Das Spiel gestaltete sich sehr spannend und mit vielen Torraumszenen, aber die Chancenverwertung und auch die gezeigte Qualität ließ den geneigten Zuschauer doch teilweise etwas zweifelnd zurück. Verdient hätte das Spiel ein anderes Ergebnis, aber am Ende konnten die Ultras der Heimmannschaft jubeln und die Gäste aus Griechenland wurden zügig mit dem Abpfiff von der Polizei aus dem Block begleitet. Der Rückweg in das Hotel dauerte nur knapp zwanzig Minuten zu Fuß, daher kehrte ich noch in einem netten Pub ein. Bier wieder knapp 1 € oder 1,50 €. Am nächsten Tag trank ich noch einen großen Wodkashot mit 0,1 l Wodka, der wie jeder auf der Fahrt kaum gebrannt hatte und immer sehr lecker geschmeckt hat. So gestärkt legte ich die letzte Meile ins Hotel zurück und fiel erschöpft aber glücklich in mein Bett und schlief erst einmal aus. Der letzte Tag stand noch einmal im Zeichen vom Erkunden von Kiew und Spaziergängen auf der Suche nach Mitbringseln. Nach einem leckeren Essen in einem häufiger frequentierten Lokal mit regionalem Essen und einer Trachtendarbietung wurde das Gepäck vorbereitet, um am nächsten Morgen zeitig gen Flughafen zu kommen. In der Hoffnung, dass die zwei Stunden Puffer ausreichen würden, um zeitig in Alkmaar vor dem Stadion zu sein.
Der nächtliche Schneefall durchkreuzte jedoch diesen Plan, da ich bei der Ankunft am Flughafen eine SMS erhielt, dass der Flug gen Köln eine Stunde Verspätung haben sollte. Dies summierte sich abschließend auf knapp zwei Stunden, da wir u.a. auch noch einmal über das nicht geräumte Rollfeld gefahren sind und dann wieder vor dem Terminal standen.
Der Plan für Köln stand also: Rasch raus dem Flieger und Gepäck holen und gen Autovermietung hechten und ab ins Auto gen Alkmaar. Die Baustellen und Geschwindigkeitbegrenzungen sorgten nicht dafür, dass ich Zeit aufholen konnte, aber am Ende war ich kurz nach Anpfiff im Stadion und saß neben den Heimfans auf der Gerade. Alkmaar machte gegen den Tabellenletzten und von Dick Advocaat trainierten Verein Sparta Rotterdam zwar das Spiel, aber wie so oft erzielte der Gast nach einer Ecke mit seiner ersten richtigen Chance das Führungstor. In der Folge nahm der Druck der Gastgeber weiter zu, aber es sollte bis kurz vor der Halbzeit dauern bis der verdiente Ausgleich fiel. Nach der bekannten Technomusik in der Halbzeit ging es weiter mit einem Spiel auf ein Tor und am Ende konnte Alkmaar den verdienten Sieg feiern, wobei sie einige Chancen liegen ließen und das Niveau der ersten Halbzeit nicht wieder erreicht wurde.
Nach Fritten und Kroketten ging es frisch gestärkt gen Bochum, um dort am nächsten Tag noch das Spiel des Ruhmreichen zu verfolgen. Leider wurde es kein Leckerbissen und es endete verdient torlos. Noch schnell den Mietwagen am Flughafen in Köln abgegeben und dann mit Freunden gen Heimat.
Eine Woche Urlaub in der Ukraine hat Lust auf mehr gemacht, da mich auch die Nachfragen der Zöllnerin (\"Wie viel Geld haben Sie dabei?\") im fast leeren Flughafen von Kiew nicht abbringen konnte, das Land noch einmal zu einer anderen Jahreszeit in Angriff zu nehmen. Dann gerne auch wieder mit dem Zug oder Bus gen Odessa und Lemberg. Die Reise habe ich definitiv nicht bereut, auch wenn ich am letzten Tag nochmal widerliches grünes Distelbier trank, welches mir in meinem Reiseführer als Besonderheit angepriesen wurde aber eher wie abgestandenes Blumenwasser schmeckte...

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