Pirlo ovunque – Pirlo überall

von Andreas König

Nach einigen Überlegungen habe ich mich dank günstiger Flüge in meine Herzensheimat aufgemacht. Vom ursprünglichen Plan, vier Spiele anzuschauen, musste ich leider Abstand nehmen, da das Lega-Pro-Spiel zwischen Como Calcio und GIANA Erminio von 18:30 Uhr auf 14:30 Uhr am Sonntag vorverlegt wurde und ich aufgrund mangelnder Beam-Fähigkeiten nicht so schnell von Turin nach Como gekommen wäre, womit es am Ende drei Spiele in den beiden obersten Spielklassen Italiens wurden.
Mein Quartier bezog ich dieses Mal in Brescia, da dort auch am Samstagnachmittag das erste Spiel des Wochenendes anstand. Bisher habe ich es, trotz meiner Zeit in Verona, nie geschafft mir Brescia anzuschauen, was ich nun nachholen wollte. Zum Abschluss eines kleinen Stadtrundganges bestellte ich mir in einem netten Café einen Pirlo, wobei ich mich für die Variante mit Aperol und nicht die regional bevorzugte Variante mit Campari entschieden habe. So gestärkt ging es per U-Bahn zum „Stadio Mario Rigamonti“. Der Name bezieht sich auf den gebürtigen Brescianer, der Teil der legendären Meistermannschaft des AC Turin war, die unter dem Namen Grande Torino in die Geschichtsbücher einging: Sie war nach fünf Meisterschaften in den Saisons 1942/43, 45/46, 46/47, 47/48 und 48/49 die damals mit Abstand stärkste Mannschaft Italiens und kam bei einem tragischen Flugzeugabsturz nach einem Freundschaftsspiel in Lissabon beim Landeanflug auf den Turiner Flughafen am Wallfahrtsort Superga bei Turin ums Leben.
Für das Spiel habe ich mir für die Heimkurve, die nach dem 2013 verstorbenen Ultra von Brescia Andrea Toninelli benannt ist, der auf der Busheimfahrt vom Auswärtsspiel in Livorno bei einem Verkehrsunfall verstorben ist, gekauft und habe es mir auf dieser riesigen Stahlkonstruktionstribüne in der Sonne gemütlich gemacht.
Aufgrund neuer Repressionen gegen ihre Mitglieder hat sich die Curva Nord Brescia dazu entschieden die ersten 15 Minuten auf Support zu verzichten und die gesamten Fahnen falsch herum aufzuhängen. Das hatte ich am Morgen noch gelesen und war daher über diesen Boykott nicht überrascht.
Als Gegner schlugen die Lupi – Wölfe – aus Kampanien auf. Die Fans von US Avellino betraten erst mit dem Anpfiff die Gästekurve, nachdem sie sich hinter der Kurve gesammelt hatten und zeigten dann über das gesamte Spiel einen guten Tifo, der v.a. durch ihre Fahnen gut unterstützt wurde.
Die Mannschaft von Brescia Calcio stieg als Rekordabsteiger elfmal aus der höchsten Spielklasse Italiens ab. Berühmte Spieler von Brescia Calcio waren z.B. Roberto Baggio, Marek Hamsik, Pep Guardiola, Manfred Binz und Andrea Pirlo und aus dem aktuellen Kader sagen dem ein oder anderen vielleicht noch Andrea Caracciolo und Stefano Mauri, der u.a. 2013 während seiner Zeit bei Lazio Rom wegen des damaligen Wettskandals für sechs Monate gesperrt wurde.
Kurz vor Ende des Stimmungsboykotts erzielte mit der ersten richtigen Chance Avellino die 1:0 Führung. Insgesamt war das Niveau des Spieles sehr überschaubar, was ich aber auch erwartet hatte, wobei Brescia an diesem Tag wohl noch ewig hätte spielen können ohne beste Möglichkeiten zu verwandeln: U.a. scheiterte Caracciolo äußerst knapp mit einem Kopfball. Nach einem Platzverweis für Brescia wurde es nach Rudelbildungen gegen Ende hitzig und mit einem Konter mit dem Abpfiff erzielte Avellino den entscheidenden zweiten Treffer und der Stürmer feierte zusammen mit den Fans in der Kurve, wohingegen die Bresciani enttäuscht von dannen zogen.

Im direkten Anschluss ging es für mich mit dem Zug in Richtung Mailand, da für mich dort noch Abendprogramm mit AC Mailand gegen SSC Neapel bevorstand. Dabei spielte schließlich der aktuelle Drittplatzierte beim Tabellenfünften und dementsprechend gut besucht war auch das San Siro, welches inzwischen durch eine weitere U-Bahn besser erreicht werden kann. Im Vergleich zu meinem letzten Besuch, der aus dem Jahr 2013 datiert, hat sich auch im Stadioninneren ein bisschen was getan. Mit meinem Platz neben der Heimkurve war ich sehr zufrieden, nur habe ich mal wieder gemerkt, dass ich einfach zu lang bin. Bei einem Bierpreis zwischen sechs und sieben Euro für ein 0,33 l Bier war meine Kaufbereitschaft erlahmt und ich habe auf den Konsum jeglicher Waren im Stadion verzichtet, was auch damit zusammenhing, dass ich vor dem Stadion ein leckeres Panino gegessen hatte und ich Chips, Popcorn o.ä. einfach nicht für stadiontauglich erachte. Von meinem Platz neben der Heimkurve hatte ich einen guten Blick sowohl auf das Spielfeld wie auch auf die Heim- und mit Abschlägen auf den Gästebereich, der im dritten Ring untergebracht war. Aufgrund der o.g. Ausgangssituation war der Zuschauerzuspruch sehr gut und bis auf geschlossene Bereiche im dritten Ring ließen sich nicht übermäßig viele freie Plätze finden. Das freute mich natürlich, da ein relativ leeres San Siro doch ziemlich enttäuschend ist.
Dass das Spiel auch gleich auf hohem Niveau war, zeigte sich mit den beiden schnellen Toren in den ersten zehn Minuten für Napoli, die richtig gut rausgespielt waren und dabei die Abwehr rund um das Torwartwunderkind Donnarumma nicht wirklich gut aussah. Nach diesem frühen Schock konnte sich der AC ein wenig befreien und kam kurz vor der Halbzeit zum umjubelten Ausgleich. In der zweiten Halbzeit entwickelte sich eine komplett entgegengesetzte Partie und Milan drückte immer mehr auf den Ausgleich, konnte diesen auch durch den stürmenden und köpfenden Donnarumma nicht mehr erzielen. Milan ist nun mit zwei Punkten Rückstand auf den Lokalrivalen auf Platz sieben, während Neapel weiterhin auf Platz drei liegt. Abschließend lässt sich sagen, dass die Sanierungen und ein paar weitere Verbesserungen das San Siro besser darstehen lassen und ich sicher gerne mal wieder das San Siro betreten werde.

Mit dem Abpfiff des Spieles ging es für mich zügig in Richtung U-Bahn, dabei habe ich wieder mehrere deutsche Fußballtouristen getroffen. Leider gab es am Bahnhof Centrale die erwartete Ernüchterung und nach 23 Uhr am Abend gibt es dort nichts mehr zu kaufen oder zu essen, da alle Cafés und Fastfood-Lokale bereits geschlossen haben. Somit setze ich mich in meinen Zug und vertrieb mir die Zeit mit einem Krimi, da ich nur ungerne in Regionalzügen schlafe, wenn ich alleine unterwegs bin. Der anschließende Spaziergang in Brescia brachte mich zu meiner kleinen Unterkunft, die ich knappe fünf Stunden später schon wieder Richtung Mailand bzw. am Ende in Richtung Turin verlassen sollte. Nach einem italienischen Frühstück bestehend aus einem Brioche und einem Espresso ging es nach einer kurzen Pause in Mailand gen Turin. Am Ende konnte ich auch einen Blick auf den „berühmt-berüchtigten“ Wallfahrtsort Superga erhaschen und mit diesen Impressionen fuhr der Zug im Bahnhof ein. Die noch nötige Busfahrt brachte mich zum Juventus Stadium, welches malerisch im Hintergrund die schneebedeckten Piemonteser Alpen hatte, denn es war wahrhaftiges Kaiserwetter. Aufgrund meiner relativ späten Ankunft am Stadion führte mich mein Weg zügig in meinen Block, der mittig auf der Gegengerade am Anstoßkreis war. Somit hatte ich eine richtig gute Sicht auf alles, was in den Kurven abging.
Im Laufe der Woche wurde vom Verein das neue Juventuslogo publiziert, welches die Vermarktung klar in den Vordergrund stellt und die Wurzeln des Vereins in der Stadt komplett kappt, denn das Stadtwappen Turins, welches bei den vorherigen Veränderungen bereits kleiner wurde, ist nun gänzlich verschwunden. Der Protest u.a. durch Ultragruppen o.ä. war praktisch nicht existent zumindest nach meiner Ankunft auf meinem Platz, dabei wurde es auch im Mittelkreis präsentiert. Die einzig wahrnehmbare Demonstration waren teilweise verkehrt herum aufgehängte Zaunfahnen. Aber zu Beginn gab es im gesamten Stadion eine Plastikfahnenchoreographie bestehend aus schwarzen und weißen Fahnen. Eine Erklärung könnte dabei die kurze Zeit zwischen Verkündung und Spiel sein, denn „offiziell“ müssen alle Spruchbänder bei den örtlichen Behörden eine Woche vorher angekündigt werden, wobei auch ein Spruchband bzgl. der Erdbebenopfer präsentiert wurde. Aufgrund dessen vermute ich eher, dass es keine weiteren Proteste geben wird und man diese Entwicklung des Erfolges wegen mittragen wird. Dies sind aber nur meine Schlüsse.
Der Gästesektor der Laziali war auch sehr gut gefüllt und leider bis auf wenige „Juve merda“- Rufe, die gleich von dem restlichen Stadion niedergepfiffen wurden, nicht sehr gut verstehbar, aber machte mit einigen Zaunfahnen und der ein oder anderen Schalparade auf sich aufmerksam. Die beiden Heimsektoren in den jeweiligen Kurven konnten mit ein paar Fahnen – v.a. im Drughisektor in der Südkurve – auf sich aufmerksam machen, aber weit weniger als bei Milan am Vorabend. Die Stimmung war durchwachsen, aber die Zaubertore von Dybala und Higuain gleich zu Beginn der Begegnung sorgten für eine gewisse positive Stimmung auf den Tribünen. Diese schlug im Verlaufe der Partie aber immer wieder ins Gegenteil über, denn die Begegnung hatte auch Ballgeschiebe zu bieten. Erst gegen Ende konnte Juve noch ein paar hochkarätige Chancen herausspielen, die sie aber kläglich vergab, was bei der Chancenverwertung von Lazio aber kein Problem war. Mein Fazit ist, dass ich das Juventusstadium von innen gesehen habe, aber es nun wahrlich nicht mehr sehr weit oben auf meiner erneuten Besuchsliste stehen wird, denn ich kann diesem hypermodernen Fußballbusiness nicht unbedingt übermäßig viel abgewinnen.

Nach einem Kaffee am Bahnhof und einer entspannten Pause ging es im Italo-Hochgeschwindigkeitszug zurück nach Mailand. Dabei durfte ein kostenloser Snack nicht fehlen und die abschließende Fahrt nach Brescia verging auch ereignislos. Zum Ende des Kurzurlaubs gab es noch eine Spezialität in Form einer Piadina, aber der krönende Abschluss stellte ein Pirlo mit Aperol dar. Dazu bedarf es jedoch noch einer Erklärung für den Titel des Berichts, denn bei allen Vereinen, deren Stadien ich an diesem Wochenende besuchte, spielte Andrea Pirlo während seiner Karriere in Italien. Sein Geburtsort liegt in der Provinz Brescia und in dieser Gegend nennt er auch das Weingut „Pratum Coller“ sein Eigen. Zusätzlich ist Pirlo wie erwähnt ein alkoholisches Getränk, welches ich in der Venetobezeichnung „Aperol Spritz“ bevorzuge und bei meinem nächsten Trip nach Italien auch wieder konsumieren werde, denn die Mission alle Serie A-Stadien abzuhacken läuft weiter.


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