Nie mehr Oberliga!

von Michi Fuchs

Als um kurz vor 16 Uhr die Tore des Bruno-Plache-Stadions geöffnet wurden, strömten viele der ca. 3.500 Zuschauer von der 1932 erbauten Holztribüne hinunter aufs Feld, um gemeinsam mit der Mannschaft den Aufstieg in die Regionalliga zu feiern. Dass die Stimmung zwar heiter und ausgelassen, jedoch nicht überschäumend war, lag in erster Linie daran, dass dieser Aufstieg schon lange im Voraus feststand: das 5:2 gegen den FSV Barleben am letzten Spieltag der Oberliga NOFV-Süd machte eine ungeschlagene Saison mit elf Punkten Vorsprung (Torverhältnis 78:14) auf „Lokalrivale“ Internationale perfekt.

Die Atmosphäre beim „kontrollierten Platzsturm“, aber auch im Umfeld des gesamten Spiels haben mir zumindest an diesem Tag gezeigt, dass der Ende 2003 als Nachfolger des ersten deutschen Fußballmeisters VFB Leipzig gegründete Verein seinen schlechten Ruf keineswegs verdient hat. Von Anfang an fällt eine familiäre Atmosphäre auf: friedliche Fans, freundliche Mitarbeiter, Kinder auf den Zäunen der Fankurve, Jugendtrainer, die die Partie gemeinsam vom Spielfeldrand aus verfolgen sowie Ordner, welche sowohl mit Fans als auch mit Verantwortlichen ein offenes, kommunikatives Verhältnis zu pflegen scheinen. Natürlich mag mancher spekulieren, ob dies nicht anders wäre, wenn Lok in der dritten Liga spielen würde und sich im Gästeblock mehr als eine Hand voll Unterstützer aus Barleben tummeln würde. Und ja, natürlich gibt es sie, die Fans mit der rechten Gesinnung, so zum Beispiel der Mittzwanziger, der vor meinen Augen von den Ordnungskräften dazu aufgefordert werden musste, sein mit Reichsadler verziertes T-Shirt auszuziehen. Aus meiner Sicht jedoch scheint Lokomotive Leipzig den Umbruch längst geschafft zu haben und hat bei mir definitiv einen bleibenden, sympathischen Eindruck hinterlassen. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Zeichen auf Aufbruch stehen, ist die 2014 von der Mitgliederversammlung mit 85% beschlossene Ausgliederung der 1. Mannschaft. Ein Schritt eines (damaligen) Oberligisten, von dem sich der ein oder andere Proficlub sicherlich eine Scheibe abschneiden könnte.

Auch der lautstarke Support der Fans konnte sich über die gesamten 90 Minuten durchaus sehen – bzw. hören lassen. Nachdem sich die Gruppe Scenario Leipzig (SL), die immer wieder mit rechten Auswüchsen auffällig wurde, bereits im November 2014 aufgelöst hat, fallen im Stadion vor allem die GruppeN \"Fankurve 1966\", die etwas abseits im der Nordkurve steht sowie die \"Fanszene Lokomotive Leipzig\", die in der Haupttribüne oben auf der noch originalen Holztribüne stehen, auf. Gesangstechnisch konnten mich die Letztgenannten vor allem mit ihrem Schmähgesang auf den Stadtrivalen Chemie Leipzig begeistern:

Und jeden Montag
Ihr dummen Schweine
Geht zum Sozialamt
Und holt euch eure Scheine
Oh Chemie Leipzig
Ihr Hurenkinder
Wir sind Lokisten
Und hassen euch für immer


Etwas befremdlich dagegen mutete mir dagegen ein weiterer „Schlachtgesang“ an, der sich vorwiegend um das Verwehren von Frauenrechten und das Streicheln von Bierbäuchen drehte und den ich mir deswegen auch nicht so genau gemerkt habe, um ihn hier wiedergeben zu können.

Abseits des Spielgeschehens sind mir auf dem Gelände noch die ausrangierte Lokomotive, auf der sich jeder Fan für 200€ mit seinem Namen verewigen kann, sowie die Gedenktafel für den verstorbenen Ex Co-, Interims-Chef- und Nachwuchstrainer Eric Eiselt aufgefallen. Dieser wanderte 2015 nach Costa Rica aus und baute in seiner neuen Wahlheimat u.a. eine Fußballschule auf. Dabei wurde er immer wieder von seinem ehemaligen Verein unterstützt - im Sommer sollte eigentlich ein gemeinsames Fußballcamp stattfinden. Lokomotive würdigte ihn mit einem Gedenkspiel vor knapp 2.000 Freunden und Fans.

Obwohl der Ausgang der Partie also nicht mehr von entscheidender Bedeutung war, gestaltete sich mein erstes Heimspiel von Lok Leipzig als durchaus interessant und wird sicherlich nicht das letzte bleiben. Auf Grund meiner anstehenden einjährigen Mexikoreise wünsche ich dem Verein, dass ich dann beim nächsten Besuch im Bruno-Plache Stadion eine Partie der 3. Liga bewundern darf.

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