Neues Land, neue Erfahrungen und neue Sichtweisen

von Andreas König

Seit Februar 2018 bin ich nun schon in Ländern wie Russland und der Ukraine gewesen. Abgesehen von den Reisen nach Italien oder auf den Balkan fehlte noch ein Land in Osteuropa, welches so mysteriös ist und von dem so wenige Leute, mich eingeschlossen, etwas wissen: Belarus, oder bei uns besser bekannt als Weißrussland. So war es für mich nach der EM-Qualiauslosung, für die europaweite EM2020, logisch, dass ich mich um ein Ticket und eine Reise nach Belarus kümmern würde. Da es kaum Direktflüge nach Minsk gibt, habe ich das günstigste Angebot mit einem Umstieg in Kiew von Berlin aus genommen. Es sollte mich die staatliche ukrainische Fluglinie auf diesem Wege hin und zurückbringen.
So ging es also am Donnerstag vor Pfingsten, dank eines günstigen Sparangebots, nach Berlin zu Freunden, um bei Ihnen die Nacht zu verbringen und am nächsten Tag gen Minsk zu fliegen. Die Zugfahrt verlief komplett entspannt und bei Serien, Büchern etc. verging die Zeit wie im Fluge. Der erste Urlaubstag klang bei netten Gesprächen und einem Bier entspannt aus und da meine Gastgeber am nächsten Tag arbeiten mussten, ging es für uns alle zeitig ins Bett.
Bei einer Internetrecherche fand ich ein leckeres türkisches Restaurant/Café in der näheren Umgebung, welches ich am nächsten Tag für ein ausgiebiges Frühstück aufsuchte. Da ich normalerweise nicht frühstücke, sollte das Frühstück für längere Zeit reichen, damit ich erst abends in Minsk etwas essen müsste. Gut gestärkt ging es für mich auf Bildungs-/Museumstour. Der Bentlerblock stand für mich auf dem Plan. Gedenken dem deutschen Widerstand. Wobei der deutsche Widerstand weit mehr als nur Stauffenberg war. Für mich standen u.a. die „stillen Helden“ im Vordergrund und weitere Ausstellungsbereiche, die dort untergebracht waren. Von Vorteil war natürlich, dass die Ausstellungen kostenlos sind. Die Schicksale und auch die neuen Informationen haben mich berührt und auch bestimmte Ansichten und Meinungen in mir verstärkt. Flugs ging es zurück zum Bahnhof Gesundbrunnen, wo ich mein Gepäck eingesperrt hatte und wo ich vorher in einem nicht funktionierenden Gepäckschließfach mehrere Euros für nichts versenkt hatte. Mit meinem Gepäck ausgestattet machte ich mich auf den Weg nach Tegel, um von dort gen Osten zu fliegen. Das Wetter meinte es an diesem Tag bisher gut, aber das sollte sich nach meiner Ankunft am Flughafen bald ändern. Gepäckaufgabe und Sicherheitskontrolle passierte ich derweil ohne Probleme. Draußen zogen die angekündigten Gewitterwolken auf, jedoch begann das Boarding nur mit geringer Verspätung und ich machte mir noch keine Sorgen, dass es zu möglichen Verzögerungen und Änderungen bei meinen Flügen kommen könnte. Als jedoch das Boarding nach knapp über der Hälfte der Passagiere gestoppt wurde und der gesamte Flugverkehr in Tegel eingestellt wurde, stieg meine Anspannung an, denn in Kiew sollte ich nur knapp eine Stunde Zeit für den Umstieg haben und einen weiteren Flug an dem Tag gen Minsk gab es nicht. Als der Regen und die Gewitterfront sich längst verzogen hatte, kam der ukrainische Kapitän und fragte, wann es denn endlich weiter mit dem Boarden gehen würde. Leider machte ihm die Flughafenleitung einen Strich durch die Rechnung und somit war mir schon zügig klar, dass ich meinen Anschlussflug in Kiew vergessen konnte und ich erst einen Tag später in Minsk landen würde, was meinen gesamten Plan natürlich obsolet werden ließ. Aber was soll man machen. Erstmal in die Maschine gen Kiew gestiegen und auf das Unwahrscheinliche hoffen, was sich aber nach der Landung als Hirngespinst herausgestellt hat. Immerhin konnte ich lesen und schaffte auf dem Flug ein Buch und den wöchentlichen Spiegel, was natürlich ein geringer Trost war, aber immerhin etwas sinnvolles gemacht und nicht nur geschlafen. Die staatliche Fluggesellschaft war der Carrier meiner Wahl, dadurch war die Abwicklung bzgl. neues Flugticket, Rückgabe Gepäck, Hotel und Voucher für das Essen reibungslos. Nach einer kleinen Mahlzeit inklusive regionalem Bier im Flughafenpub für einen wirklich schmalen Taler, ging es gen Hotel. So checkte ich im Hotel Boryspil ein, welches gleich am Flughafen lag. Da der Flieger gen Kiew eine Art Gabelflug für viele andere Destinationen, wie Neu-Delhi, Eriwan etc. war, strandeten praktisch alle Passagiere meines Fluges in diesem Hotel. Bei einem Gutenachtbier und ein bisschen lesen, ließ ich den Tag auch ausklingen und machte es mir in meinem Zimmer bequem. Eine Fahrt am nächsten Tag nach Kiew ließ ich nach einem Blick auf Google Maps ausfallen, denn für eine einfache Strecke mit normalen öffentlichen Verkehrsmitteln von knapp einer Stunde lohnte sich die Fahrt nicht wirklich. So chillte ich nach dem Frühstück und ging frühzeitig zum Flughafen, um mein Gepäck aufzugeben. Mein Plan, mit einem befreundeten Journalisten die Gedenkstätte eins Vernichtungslagers zu besichtigen, fiel damit ebenso ins Wasser, wie meine Buchung im Hotel, welche ich aber noch kostenlos stornieren konnte.
Die Vorfreude auf Minsk war selbstredend weiterhin vorhanden und da auch das Wetter passte, war ich sehr gespannt, was mich nach dem knapp einstündigen Flug von Kiew nach Minsk dort erwarten würde. Da ein guter Freund von mir nur kurz nach mir einfliegen würde, wartete ich auf ihn und nutzte die Gelegenheit, um mich vorher ein wenig umzusehen, was Simkarten, Geldautomaten, Bus etc. anbelangte.
Mit weißrussischen Rubeln ausgestattet ging es dann per Bus gen Innenstadt, dabei passierten wir das ursprünglich gedachte Hotel und stiegen dann am Hauptbahnhof aus, um dann mit einer Marschrutka in die Nähe unseres Hotels zu fahren. Dabei war der Fahrer sehr barsch in seiner Art, aber das scheint hier Usus zu sein. Endlich im Hotel angekommen, war die Freude erstmal nicht auf meiner Seite, denn auf meinen Nachnamen gab es scheinbar kein Zimmer. Erst nach einer Änderung der Schreibweise meines Nachnamens gelangte ich an meinen Zimmerschlüssel. Bei einem weiteren Kollegen gab es aufgrund eines Formfehlers größere Probleme, die uns am Ende aber eine wunderbare Sicht auf Minsk von der hoteleigenen Dachterrasse bot. Die Aussicht von dort oben war wirklich phänomenal und da das Wetter auch passte, ließen wir es uns dort oben einige Minuten gut gehen. Im Sonnenuntergang genoss ich wahrlich den Blick auf die Stadt und das Ensemble an Gebäuden in der nahen und fernen Umgebung. Gestärkt durch lokales Bier ging es motiviert zum Treffen mit bekannten Gesichtern in ein Einkaufszentrum, um dort den Abend zu verbringen und sich auszutauschen. Als die dortige Kneipe schloss, ging es noch in ein örtliches Pub, bei dem sich am Abend auch einige deutsche Fans getroffen haben. Da ich schon länger nichts mehr gegessen hatte, kam zu dieser Uhrzeit auch langsam der Hunger hoch, welcher aber in dem Pub nicht gestillt werden konnte, weswegen es noch in den örtlichen KFC ging, um sich noch ein paar leckere Hähnchenteile einzuverleiben und den Abend dann ausklingen zu lassen. Schließlich sollte der nächste Tag wieder lang werden, da es der Spieltag war. Anstoß war 21:45 Uhr Ortszeit, da Minsk, wie verschiedene andere Städte im Osten, der deutschen Zeit eine Stunde voraus ist.
Auf den letzten Drücker habe ich es dann zum Frühstück geschafft, da ich meinen Wecker einfach ausgeschaltet habe und noch einmal eingeschlafen bin. Zwar waren die Angestellten, ob meiner späten Ankunft und meines damit verbundenen längeren Verweilens nicht sehr glücklich, aber dank meiner Höflichkeit und meines Tempos war ich auch ziemlich schnell wieder mit meinem Frühstück fertig. Hauptprämisse am Spieltag war der Transfer nach und von Baryssau nach Minsk. Züge fuhren nur sehr eingeschränkt und selten. Eine Überlandbusverbindung war auch nicht zu finden, so ging es noch ein wenig durch Minsk mit der U-Bahn. Interessanterweise lief bei jedem Betreten meinerseits der Imperial March aus Star Wars, was mir durchaus ein Lächeln auf die Lippen gezaubert hat. So einen Song habe ich nun wahrlich nicht in den U-Bahnbahnhöfen erwartet. Aber man lernt nie aus.
Am Ende wurde ein Taxi bestiegen, welches uns nach Baryssau – auf Russisch Borissow - fahren sollte. Die Temperaturen waren bereits wieder sehr sommerlich, aber ein kurzer heftiger Schauer mit abgebrochenen Ästen, Aquaplaning etc. sorgte zumindest bei der Fahrt für ein paar Schreckmomente. Aber nach nicht einmal zehn Minuten war der Spuck wieder vorbei. Das neue Stadion von Baryssau liegt draußen im Wald, aber da vorher noch ein anderes Spiel anstand, ließen wir uns über die Baustelle der großen Einfallstraße bis kurz vor das Stadion fahren. Dabei fuhr unser Taxifahrer in Schlangenlinien durch die Baustelle. Für uns hier kaum vorstellbar.
Dass es im Laufe des zweiten Weltkrieges hier zu einer längeren Schlacht zwischen der roten Armee und deutschen Panzereinheiten kam, ist genauso verbürgt und für mich erwartbar gewesen, wie auch die verschiedenen Massaker und Lager in der näheren Umgebung von Baryssau. Der Gedenkstättenbesuch fiel ja bekanntlich aus, so ging es zum ehemaligen Stadion von BATE, in welchem BATE Baryssau gegen den lettischen Verein FK Jelgava ein Testspiel in der Saisonvorbereitung austrug.
Das Stadion grenzte auf der Längsseite direkt an einen typischen osteuropäischen Markt, wo man von Tieren über jeglichen Krimskrams alles erstehen konnte. Aber da ich knapp dran war, hatte ich für eine intensivere Beschäftigung mit dem Warenangebot keine Zeit und keine Augen.
Dass dieses Spiel auch viele deutsche Fans anziehen würde, war aufgrund der zeitlichen Kombinationsmöglichkeit zu erwarten. Neben den typischen Nationalmannschaftsfahrern war auch die durstige Fraktion gut vertreten. Bei den örtlichen Getränkepreisen natürlich verständlich, nur war es teilweise doch recht anstrengend diese zu ertragen. Immerhin wurde sich an die Aussagen der Ordner gehalten, dass jeglicher Alkoholkonsum strengstens verboten ist und wenn doch jemand ein Bier in der Hand hielt im Stadionumlauf musste es mit einem Zug ausgetrunken werden. Immerhin wollte wohl niemand Stress mit den örtlichen Sicherheitskräften. Das Spiel war bei sommerlichen Temperaturen ein netter Kick, wobei die Gäste die besseren Chancen hatten und die Gastgeber sich teilweise einfach nur stümperhaft anstellten, was auch dazu führte, dass der Gast verdient in Führung ging. Dies ließ er sich nicht nehmen und am Ende siegte er mit 2:0.
Scheinbar gab es in der Stadionbar auch Bier, weswegen ich immer wieder Leute mit Bier und was zu essen sah. Jedoch wollte ich kein Stadionessen zu mir nehmen, sondern hatte um die Ecke einen kleinen Imbiss gesehen, welchen ich austesten wollte. Nach dem leckeren Essen ging es zügig in Richtung Stadion, um dort rechtzeitig zu sein, da ich doch recht interessiert war, was dort abgehen könnte. Natürlich war ich auch auf die Sicherheitskräfte und das ganze Drumherum gespannt. Ich wurde bei manchen Themen nicht enttäuscht. Bei dem ein oder anderen deutschen Fan habe ich mir dann wieder an den Kopf gelangt, aber dies ist für mich nichts Neues. Neben dem originären Gästeblock waren auch die restlichen Stadionbereiche von deutschen Fans bevölkert. Wider Erwarten gab es auch noch Tickets im freien Verkauf, was ich so nicht wirklich erwartet hatte.
Gesanges mäßig war es natürlich keine Offenbarung, aber das ist nun nichts Neues für mich gewesen. Spielerisch war die erste Halbzeit auch dank des frühen Tores für Deutschland recht einseitig, da die Gäste das Spiel komplett kontrollierten und sich immer wieder Chancen herausgespielt haben. Auch die zweite Halbzeit war von der Dominanz der deutschen Mannschaft geprägt, aber sie war nicht so drückend und zielführend wie im ersten Durchgang. Die Gastgeber hatten immer wieder kleinere Chancen, aber es bestand nie die Gefahr, dass Deutschland hier nicht als Sieger vom Platz gehen würde. Auch wenn das Ergebnis nur 0:2 aus Sicht von Belarus hieß. Ein frisch hergestellter Wrap war dann mein Abendessen und auch echt lecker. Wie erwartet gab es nicht das gleiche Essen überall und die Getränke, zumindest im Gästeblock, waren auch immer wieder alle.
Der ursprüngliche Plan mit dem Zug zurückzufahren änderte sich dahingehend, dass wir mit der Gruppe, die am Vortag u.a. in der Gedenkstätte war, zurückfuhren. Das war ein wirkliches Highlight mit Belarussen, Ukrainern und Deutschen zurückzufahren. Auf dem Rückweg stand noch ein kurzer Stopp bei einem ehemaligen Torwart von Zenit St. Petersburg auf dem Plan, der aufgrund einer Verletzung seinen Vertrag bei Zenit wieder auflösen musste. Die restliche Gruppe war bei seinem letzten Verein, auf dem Hinweg, im Rahmen des Programms. Auf der Rückfahrt wurde an einem Einkaufszentrum gehalten und ein kleiner Raum betreten. Dort verkaufte er sein Bier, welches direkt in Plastikflaschen gefüllt wird. In der Wand waren verschiedene Zapfhähne angebracht, dahinter die versteckten Fässer. Ich hatte mich für ein Helles und ein Dunkles entschieden. Natürlich handelte es sich um einheimisches Bier. Da ich ein wenig Durst verspürte ließ ich es mir nicht nehmen das Helle zu probieren und trank es auf der Fahrt gen Minsk entspannt aus. Bei einem letzten Absacker im Hotel wurde der Tag Revue passiert. Da für die Mehrheit meiner Mitreisenden am nächsten Tag die Rück- bzw. Weiterreise anstand, wurde sich noch herzlichst verabschiedet. Für mich stand nach dem Frühstück der Umzug in ein anderes Hotel an, da ich ein anderes Ziel auf dem Schirm hatte. Nach einer kleinen Tour mit der Marschrutka checkte ich im Hotel Minsk ein, was auch problemlos vor der eigentlichen Eincheckuhrzeit funktionierte.
Da ich noch nichts von der Stadt gesehen hatte und ein wenig frei hatte, machte ich mich zu Fuß auf den Weg die Stadt zu erkunden. Zwar gab es schweißtreibende Temperaturen, aber ich war motiviert, da ich nicht wusste, wann es mich hierher zurückverschlagen würde. Im Laufe des Nachmittags traf ich mich noch mit meinem Kulturberater von meiner Russlandtour und anderen Teilnehmern des aktuellen Workshops zum Thema Fankultur in Osteuropa, welche mich u.a. am Vortag mit dem neuen Rammsteinalbum auf der Rückfahrt begleitet haben. Es war ein wunderschöner Spaziergang durch Minsk, wo wir u.a. die erste Minsker Wodkafabrik, das Stadion von Dynamo Minsk etc. besichtigten. Am Ende unseres Rundganges wurde noch gehaltvoll belarussisch gegessen und dazwischen immer wieder mit verschiedenen Wodkaarten u.a. mit Meerrettich heruntergespült. Nach einem letzten Abstecher in eine kleine Kellerbar mit viel Wodka und Cola – selbstverständlich – getrennt voneinander konsumiert ging es für mich ins Hotel zurück, da ich am nächsten Morgen via Kiew nach Berlin zurückfliegen wollte. Bereits im Hotelzimmer wurde ich ein wenig melancholisch, da wieder eine tolle Erfahrung vorbei war und es zurück nach Deutschland ging. Dass der Wodka in Karaffen serviert wird und er in Gramm berechnet wird, ist einfach so etwas wunderbar anderes. Ich könnte mich glatt darin verlieben. Mein Taxi war pünktlich da, aber aufgrund der frühen Uhrzeit erreichte ich viel zu früh den Flughafen und weder der Schalter noch das Abfluggate standen bisher fest. So verbrachte ich noch ein wenig Zeit dösend und wartend am Flughafen. Mit Wodka ausgestattet und voller neuer Erfahrungen bestieg ich den Flieger gen Kiew, wo ich es auch noch schaffte ein paar Erledigungen zu tätigen, bevor es auf die vorletzte Etappe gen Heimat ging. Meine Befürchtung, dass mein Koffer in Kiew geblieben war, wurde in Berlin glücklicherweise nicht bestätigt und ich machte mich auf den Rückweg gen Nürnberg.
Im Vergleich zum Hinflug war der Rückflug weniger spektakulär, aber ich war entspannt und glücklich daheim. Die ganzen Erfahrungen und Bilder zu verarbeiten und daraus meine Schlüsse zu ziehen, dauert noch an. Der Osten Europas sieht mich in diesem Jahr und auch in Zukunft definitiv noch einmal, was ich sehr schön finde - denn Reisen bildet.


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