Manchester Experience

von Andreas König

Es ist mitten in der Nacht. Sie hat volle Brüste, einen knackigen Apfelpopo, lange, glattrasierte Beine und einen straffen Bauch. Dazu ein kurzer roter Minirock, roter Spitzen-BH, lasziv barfuß, die High Heels schon ausgezogen, genau wie den Hauch von Nichts mit tiefem Ausschnitt. Dieser fleischgewordene Männertraum befand sich gerade mitten im Verkehr, als sie unsere Aufmerksamkeit erregte. Im Straßenverkehr Manchester’s wohlgemerkt. Torkelnd auf der Fahrbahn. Um zwei Uhr morgens am Neujahrstag. Mit geschätztem zwei Promille. Der Schreck aller Taxifahrer. Doch ein mutiger Jungspund ließ sich von all dem nicht abhalten und wollte die junge Engländerin ganz uneigennützig und ohne Hintergedanken aus ihrer prekären Situation befreien. Leider wissen wir ja alle aus Erfahrung, dass Frauen sehr undankbar sind und so wurde auch dieses heldenhafte Engagement mit einem Schwall Erbrochenem auf die neuen Designer-Schuhe bezahlt.
Dieses Erlebnis beschreibt die Ambivalenz Manchesters, die wir im Rahmen unseres Trips über Silvester in die 7. größte Stadt Englands wahrgenommen haben. Oft dreckig, versifft und verregnet, gleichzeitig aber herzlich, divers und auf eine schwer zu beschreibende Weise anziehend, verführerisch: Betrunkene, die sich entschuldigen, wenn sie einen anrempeln; Gastgeber, die sich entschuldigen, wenn man ihnen das Bett zerstört; Frauen, die sich amüsieren, wenn Männer sie in der Damentoilette überraschen; Polen und Holländer, die Bayern München Fans sind, aber einem am Neujahrsmorgen um neun Uhr frischen Kaffee zubereiten; betrunkene, somalische Taxi- und LKW-Fahrer – auch Bayern Fans – die einen trotzdem sicher ans Ziel bringen, gute Tipps parat haben und Deutsche cool finden; Bars, in die man mit Jogginghose nicht reinkommt, aber daneben Shoppingcenter, die auch nachts noch offen haben, um sich spontan eine neue, passende Hose zu kaufen; grimmige Türsteher, die einen fünf Minuten anmotzen, dass sechs hässliche, Bier-bäuchige, deutsche Männer nicht reinkommen, nur, um dann auf einmal doch nach der ID zu fragen (auch wenn wir dann unsererseits keinen Bock mehr hatten); abgeranzte Pubs, in denen man sich nicht aufs Klo traut, der Barkeeper aber in Opernball-tauglicher Montur steht und man eine gepflegte Runde Darts spielen kann; Frauen, die 25h am Tag geschminkt sind, sich pausenlos betrinken und bei denen jedes Kleidungsstück, die alle wie aus dem Second Hand Laden zusammengesucht scheinen, eine andere Farbe hat, die einen aber trotzdem fast alle mit ihrer „I don’t give a fuck“ Authentizität, ihrem individuellen, kreativen Stil, ihrer offenen Art und dem daraus resultierenden Charme zu sich hinziehen.
Dies ist ein Versuch, die zahlreichen Eindrücke, denen wir in nur vier Tagen Manchester ausgesetzt waren, zu verarbeiten. Damit ihr diese Gefühlslage ein wenig besser nachvollziehen könnt, erstmal der Reihe nach…
Nach einem legendären Trip zur Darts WM in den Londoner AllyPally sollte es dieses Mal in einer leicht abgewandelten Killer Devils Gruppe über Silvester nach Manchester gehen. Stilecht wurde die Fahrt mit selbstgemachten Eierlikör, den besten Burgern Nürnbergs, Ciders und dem obligatorischen Jägermeister eingeläutet.
Wie damals in London wurde auch in Manchester AirBnB für die Übernachtung ausgewählt und der freundliche Uberfahrer brachte die Killer Devils and Friends Reisegruppe in den berühmt berüchtigten Cheetham Hill District, an das ein Reisegruppenmitglied durchwachsene Erinnerungen hatte, denn bei seinem letzten Silvesteraufenthalt lief nicht alles nach Plan...
Im Anschluss an eine kleine Schnitzeljagd rund um unseren Wohnkomplex fanden wir alle nötigen Accessoires um unser Apartment betreten zu können. Der nahe Supermarkt füllte dann unseren Kühlschrank auf und kurze Zeit später wanderten wir in die Innenstadt und wurden aufgrund von Jogginghosen abgewiesen, aber dieses Problem war nur ein vorübergehendes und so konnte kurze Zeit später ein Pub geentert werden und bei Bier, Burger wurde dem winterlichen Lieblingssport gefrönt – Darts. Als Start in die Reise wurde es stilecht im Pub geschaut. Der Bierdurst der lustigen Reisegruppe war noch nicht gestillt und somit wurde eine lustige Kneipe aufgesucht und weiter Lager und Cider getrunken, um sich mit weiteren Gesprächspartnern an einem Tisch besser unterhalten zu können. Auch wenn die Damen im Untergeschoss teilweise aussahen als würden sie gerne für jemanden tanzen, ließ sich niemand von ihnen bezirzen und auch die freundliche Dame, die von einem Reisenden auf der Damentoilette überrascht wurde, lebt weiterhin und hat ihren Schreck überwunden. Das Verkehrsmittel unserer Wahl brachte die bierselige Runde zurück in die Ganggegend, wo der Tag mit dem typischen Schnauz abgeschlossen wurde. Schließlich hielt der Darauffolgende einige Highlights mit Theatre of Dreams und weiteren Streifzügen durch das nächtliche Manchester bereit. Jeder Englandreisende will natürlich einmal ein Fullenglishbreakfast zu sich nehmen. So auch wir, da wir nach einer längeren Nacht uns später auf den Weg machten und unsere erste Ziellocation leider Weihnachtsurlaub hatte, wurde Plan B angesteuert. Einige verspürten bereits wieder den unbändigen Bierdurst und betraten das Pub gegenüber, da wir noch einige Minuten auf unseren Tisch warten durften. Den Erzählungen folgend war das Bier relativ günstig, aber die sonstige Atmosphäre inklusive den Gästen sprach eher gegen eine längere Verweildauer in der Spelunke. Das gemeinsame Frühstück brachte alle Reisenden wieder auf den Damm, wobei die Wings in Kombination mit dem Blauschimmelkäse für brennende Münder sorgte. Jedoch war diese Stärkung für den Großkampftag unersätzlich, denn nach dem nächsten Bierchen wurde sich auf die Suche nach einer Dartlocation gemacht. Diese wurde auch nach einigen Umwegen gefunden und der livrierte Kellner zapfte unser geliebtes Dark fruit Cider, welches einem runter ging wie Öl. Bei unseren eigenen Dartversuchen sorgten wir in der Kneipe immer wieder für Lacher und waren aber am Ende auch froh, dass wir nicht die Einrichtung zerstört hatten. Leicht beschwingt und mit dem sicheren Gefühl „Dartgeschichte“ geschrieben zu haben marschierten wir ins Stadtzentrum, um uns zum bekannten Theatre of dreams aufzumachen. Der Ausstieg eine Haltestelle vorher sollte sich als glückliche Fügung herausstellen, denn in der dortigen Kneipe war das Fußballfeeling Englands zum Greifen. Die Stärkung für jeden Fußballfan ließ auch keine Wünsche offen und war entsprechend reichhaltig. So marschierten wir die letzten Meter zum Old Trafford, um dort das Spiel von Manchester United gegen den FC Southampton zu verfolgen. Dank des freundlichen Ticketoffice von Southampton fanden wir uns im Gästesektor wieder und supporteten klassisch englisch im Stehen die Gästemannschaft, die sich wacker gegen die favorisierten Gastgeber schlug und teilweise sehr flüssig nach vorne kombinierte und immer wieder die Chance auf die Führung hatte. Am Ende sollte zwar ein Tor fallen, aber da Pogba den Ball über die Linie drückte, obwohl er im Abseits stand, zählte dieses nicht. Mit einem torlosen Remis verließen wir beseelt das Stadion und machten uns auf den Weg zurück in das Zentrum von Manchester. Frisch gestärkt und voller Vorfreude ging es ins Pub, um dort das Spiel zwischen „Mighty Mike“ MvG vs. „Voltage“ Rob Cross zu sehen. Am Ende scharte sich eine größere Gruppe um den TV und der Türsteher wollte uns schon rausschmeißen, aber ihn nahm das spannende Finish auch mit. Hätten wir das nicht schauen können, jeder von uns hätte sich wahrscheinlich ordentlich in den Allerwertesten gebissen, denn mit dem Sieg im Entscheidungsleg zog der krasse Außenseiter „Voltage“ in das Finale gg. „The Power“ ein.
Das Jahr hatte noch einen letzten Tag über und auch das Fußballjahr sollte erst am letzten Kalendertag seinen Abschluss finden. Unser Somalischer Uberfahrer brachte uns im Rahmen einer interessanten Unterhaltung zum Bahnhof, um mit dem Zug gen Birmingham zu fahren. West Brom sollte unser Tagesziel lauten, welches im Umkreis von Birmingham liegt. Aufgrund der frühzeitigen Anreise erkundeten wir noch ein Einkaufszentrum, um nach einem gemütliches Essen und dem intensiven Austausch über Land und Leute mit der Tram gen West Brom zu fahren. Vor dem Stadion wurden unsere restlichen Getränke verdrückt, um dann unsere hinterlegten Karten abzuholen. Die Bestellung und Hinterlegung funktionierte wie bereits bei Manchester United, Tottenham Hotspurs o.ä. hervorragend und wir konnten unsere Plätze auf der Hintertortribüne einnehmen. Der heutige Gegner des Tabellenschlusslichts West Bromwich Albion war das stargespickte Arsenal London. Fantechnisch hat Arsenal nicht den besten Ruf auf der Insel, jedoch ließen wir uns überraschen. Wäre Fußball einfach und man würde nur nach den Stärken und Namen der Spieler gehen, müsste das Spiel eine einfache Sache für Arsenal sein. Glücklicherweise sollte dem nicht so sein. Klar bestimmte Arsenal das Spiel, aber agierte doch relativ ideenlos immer durch die Mitte. So konnten die Gastgeber auch einige Nadelstiche setzen und sich einige Chancen herausspielen, aber in der 83. Minute gelang Arsenal der Führungstreffer. West Brom gab sich jedoch nicht auf und bekam einen schmeichelhaften Elfmeter zugesprochen, der in der 89. Minute verwandelt werden konnte. Ein Faszinosum zeigt sich immer wieder in englischen Stadien: Innerhalb weniger Minuten sind die Tribünen komplett leer und auch die Ordner bitten bereits eine Viertelstunde nach Spielende die letzten Menschen nachdrücklich die Blöcke zu verlassen. So erging es auch uns und wir machten uns auf den Rückweg zur Tram, um gen Birmingham zu kommen, da wir mit dem letzten Zug nach Manchester wollten, um dort den Silvesterabend u.a. im Northern Quarter zu verbringen. Glücklich fielen wir mit ein paar Bier ausgestattet in den Zug und trafen auf paar geschminkte oder verkleidete Engländer/-innen, die teilweise schon leicht angeheitert waren und auch pärchenweise Zärtlichkeiten austauschten. Eine Diskussion über Kleidung, Geschmack o.ä. wollen wir hier nicht anstoßen, aber wie bereits in der Einleitung geschrieben, waren manche Damen sehr figurbetont gekleidet.
Mit der Ankunft in Manchester flanierten wir zielstrebig zur City hall, wo das städtische Feuerwerk stattfinden sollte. Auf dem Weg dorthin trafen wir auf deutlich angeheiterte Jugendgruppen beiderlei Geschlechts, die sich teilweise auch auf den Weg gen City Hall machten. Dank Bier und Feuerwerk starteten wir frohen Mutes in das neue Jahr und ließen uns von der Masse gen Northern Quarter treiben, um dort in Kneipen, Discos o.ä. den Silvesterabend und gleichzeitig unseren letzten Abend in Manchester zu verbringen. Die bereits vorher schon angetrunkenen Engländer waren nur die Ouvertüre für die Szenen im Quarter und dort trafen wir auch die angetrunkene Dame in rot. Es war ein wahres Schauspiel die betrunkenen, angetrunkenen Gestalten zu beobachten und sich einen Weg durch diese Szenerie zu bahnen. Neben betrunkenen Engländerinnen, die teilweise so wenig trugen, dass man um deren Gesundheitszustand sich ernsthaft Sorgen machen musste, waren auch die schick gekleideten jungen Engländer teilweise in einem bedrohlichen Zustand. Ein Beispiel war ein junger Mann, der sich seinen „verschmierten“ Mund mit seiner Krawatte abwischte, um danach wieder feiern zu gehen. Restriktive Türpolitik führte uns abschließend in eine nette kleine Bar, die uns bei Musik den Abend versüßte und wir entspannt bei einigen Getränken die Fahrt ausklingen lassen konnten.
Die letzte Nacht für einige auf dem Fußboden, da das Holzgerüst ohne große Fremdeinwirkung den Geist aufgab, verlief vollkommen entspannt und nach einem ausgiebigem Frühstück und Stadtspaziergang ging es für die Killer Devils mit vielen einzigartigen Eindrücken zurück gen Heimat…

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