Korona-Cup

von Andreas König

Nach Sturm Sabine rund um das Osnabrückspiel hatte mir Corona bereits Spiele in Italien und den alten Brentfordground in London durchkreuzt.
Die fußballfreie Zeit habe ich auf jeden Fall für ein paar Recherchen, Sport, Fortbildungen genutzt und habe den großen Fußball auch nicht einmal groß vermisst. Als die Lockerungen für Treffen, Sport, Reisen langsam auf den Weg gebracht wurden und auch in Ländern wieder Fußball gespielt wurde, habe ich mich natürlich mit dem Gedanken getragen auch mal wieder Fußball live zu schauen. Die Geisterspiele habe ich mir geschenkt, da ich diese Testspielatmosphäre einfach nicht ertrage und auch nicht gut fand, wie es zu der Situation kam. Die allgemeine Situation rund um den Fußball hatte mich aber auch zum Nachdenken gebracht. Aber dies führt gerade zu weit, um das in diesem Bericht auszubreiten.
Bereits die Wochen vorher durfte einerseits die Grenze überquert werden, aber auch Fußball legal mit Zuschauern wieder angesehen werden.
Mein letzter Aufenthalt in Tschechien lag schon etwas zurück, so dass es mich doch wieder in das Land zog. Der nach dem aktuellen Virus benannte Korona-Cup, Freundschaftsspiele und sogar noch höherklassiger Ligabetrieb standen für mich an diesem Wochenende auf dem Plan. Die Vorfreude wuchs in den Tagen davor, denn es durfte mal wieder ein bisschen Fußball verfolgt werden. Mit Hygienekonzept etc., aber es sollte mal wieder der Ball vor meinen Augen rollen.
Die erste Fahrt mit einem Hybridwagen brachte uns in den Ústecký kraj – Aussiger Region – im Nordwesten der Tschechischen Republik und ist somit in Nordböhmen zu verorten, somit ist z.B. das Erzgebirge mit Aue und dem berühmten Nudeleintopf nicht weit entfernt. Unser Quartier hatten wir Teplice aufgeschlagen, da wir von dort überall recht zügig hingelangen konnten. Unser erstes Ziel bei strömenden Regen war ein Sportplatz in Modlany. Corona wurde nach dem Saisonabbruch als Namensgeber für den Korona-Cup herangezogen, der im klassischen Turniermodus durchgeführt wurde, um dem Spielern Matchpraxis gab. Selbstverständlich war es ein reines Freundschaftsturnier, aber die Mannschaften schenkten sich teilweise nichts, aber auch die Klassenunterschiede wurden bei manchen Spielen deutlich. Der Hopperauflauf bei diesen Pokalwettbewerben und -spielen war erwartungsgemäß hoch, denn in sonst kaum einem Land wurde vor Zuschauern gespielt bzw. bestand die Möglichkeit problemlos ein- und auszureisen ohne in Quarantäne zu müssen.
Genug der Vorrede. Das Spiel auf dem Sportplatz interessierte vor allem die ausländischen Gäste, die sich bei einer Klobasa und Bier dem runden Leder widmeten. Als Fahrer fiel das Pivo verständlicherweise aus, da in Tschechien 0,0 Promille am Steuer galt und auch die Klobasa mied ich bei der gesamten Tour. Was für mich natürlich schwierig war, aber ich habe es durchgezogen. Das Spiel bildete den Auftakt für eine wahre Torflut an diesem Wochenende, denn die Gastgeber konnten einen ungefährdeten 7:2 Sieg einfahren. Aber neben diesen vielen Toren setzte sie auch die Qualität der Spiele fest, denn diese war doch meistens eher unterklassig. Den Abschluss sollte am Sonntag ein Zweitligaspiel bilden. Dazwischen trieben wir uns eher in den unteren Klassen des tschechischen Fußballs herum, aber was soll es.
Nach der Rückkehr nach Teplice, um dort den Abend in der Pivovar Monopol ausklingen zu lassen, um am nächsten Tag dann die Niederungen der Gegend abzuklappern.
Begonnen wurde der Tag mit einem herrlichen Spiel im alten Stadion von Most, wo das erste Spiel des Tages stattfinden sollte. Natürlich ohne Eintrittskarte und kostenfrei. Dabei war es nur ein Jugendspiel, aber da das Stadion praktisch nicht bespielt wurde, sollte natürlich der Ground gekreuzt werden. Dabei spielte eine Moster U19 gegen eine erste Mannschaft vom MSK Trnice. Im Vergleich zum gestrigen Spiel und den weiteren Spielen des Wochenendes war dieser Spiel recht torarm, da die Gastgeber nur mit 3:2 gewannen. Um uns für den weiteren Tag zu stärken, wurde im anliegenden Tesco eingekauft. Da die Mitfahrer einen verdienten Bierdurst besaßen und es um die Ecke eine kleine Pinte gab, wurde dort auf eine Hopfenkaltschale eingekehrt, die meinen müden Kriegern einen gewissen Prozentsatz an Lebensenergie zurückgab. So gestärkt wurde sich auf den Weg nach Usti gemacht, um dort unseren abendlichen Kick zu sehen, der zwischen der U19 von Usti nad Labem und den Gastgebern von FK Jilové ausgetragen wurde. Erwartet hatte ich eigentlich einen Sieg oder ein engeres Spiel, da ich die Qualität einer U19 Mannschaft von einem Profiverein aus den ersten beiden tschechischen Ligen höher eingeschätzt hatte, als eine regionale Amateurmannschaft. Aber ich sollte mich am Ende täuschen, aber ich bekam Tore zu sehen und die Kollegen Bier und Wurst. Dabei gestaltete sich das Spiel teilweise sehr spannend und es wurden neben Elfmetern auch sehenswerte Tore herausgespielt. Was will ein Fußballherz nach so lange Pause mehr? Außer vielleicht den eigenen Lieblingsverein live im Stadion sehen, aber das war und ist aktuell eher schwierig. Die Diskussion über Teilöffnungen werden uns sicher noch weiter begleiten und es ist spannend wie sich das entwickeln wird. Aber das sollte bei dieser Fahrt kein Thema sein. Am nächsten Tag spielte der Ruhmreiche daheim gegen Stuttgart, die den Aufstieg noch nicht fix hatten und sicher motiviert waren, während der eigene Verein 6:0 in Wiesbaden gewonnen hatte. Wie das Spiel ausgegangen ist, weiß jeder und sollte noch für einiges an Diskussionsstoff auf der Rückfahrt sorgen, aber die ist erst für Sonntagnachmittag angesetzt.
Nach diesem Abendspiel, welches die Heimmannschaft mit 5:2 für sich entscheiden konnte, ging es wieder in unsere Unterkunft, um dem Bierdurst und dem herrlichen Wetter zu frönen, marschierten wir wieder in die Innenstadt und ließen uns treiben. Mit Knoblauchchips und Bier bewaffnet wurde der letzte Tag unserer Tour angegangen und fuhren durch die tschechische Landschaft und kleine Weiler, wohin sich kein normaler Tourist hinbegeben würde, da dort nichts war. Zwar haben wir auf unserer Tour auch die üblichen Straßendirnen gesehen, aber das war auch ein seltener Anblick.
Den Auftakt machte ein U17spiel zwischen TJ Krasny Dvur und TJ Hvezda Trnovany auf einem Sportplatz neben kleinen Datschen, aber das sollte noch nicht der schwierigste erreichbare Ground des heutigen Dreiers werden. Das Spiel am Sonntagmorgen wurde von gefühlt fünf Einheimischen und zwanzig bis dreißig deutschen Fußballtouristen verfolgt. Das Sitzen in der Sonne tat an diesem Morgen richtig gut und so verfolgte ich recht entspannt das Geschehen auf dem schlechten Geläuf, während die Bardame in dem Sportheim sichtlich überfordert mit dem Bierzapfen etc. war, aber am Ende bekam jeder seine Klobasa und sein Bier. Am Ende eines erneut torreichen Kicks konnten die Gastgeber sich mit 6:3 durchsetzen und alle Touris marschierten kurz nach Abpfiff zu ihren Autos, da schon das nächste Ziel anstand. Das nun folgende Spiel hätten auch zwei deutsche Hobbymannschaften sein können, denn was da teilweise für eine Schnelligkeit, Behäbigkeit und nicht vorhandene Filigranität präsentiert wurde, war schon bemerkenswert, aber okay. Man tat alles für König Fußball. Der Sportplatz stellte uns teilweise vor eine gewisse Herausforderung, da Google es mit der Navigation nicht so ernst meinte, aber wir waren rechtzeitig trotz Tankstopp etc. am Sportplatz und konnten auch dort parken. Bis zur ca. 15. Minute trudelten immer mehr Verrückte ein. Hierbei waren es natürlich auch wieder deutsche Fußballinteressierte, aber auch viele Einheimische haben diesen Sportplatz, welcher herrlich an einem Wald gelegen ist, aufgesucht, um sich dieses Spektakel zu geben. Torreich war diese Begegnung aber definitiv. Die beiden Opponenten waren TJ Sokol Becov nad Teplou und TJ Budoucnost Otrocin. Immerhin haben alle Spiele bisher keinen Eintritt gekostet, was natürlich sehr positiv war, was selbstverständlich auch den aktuellen Umständen und der Qualität der Spiele geschuldet war und da es sich nur um Testspiele handelte, war dies ein weiteres Indiz für einen kostenlosen Fußballgenuss. Dieser wahre Leckerbissen zog sich vor allem gegen Ende hin, was an der mangelnden Qualität und Kondition der Spieler gelegen haben dürfte, aber dafür durften wir beim 8:2 der Heimmannschaft satte 10 Tore bestaunen. Das trieb unseren Toreschnitt natürlich weiter nach oben, aber ein Spiel und auch das höchstklassigste stand in Sokolov noch an.
Diesen Sportplatz hatte ich vorher schon zweimal besucht, aber aller guten Dinge sind nun einmal drei und da sich der Verein aus der zweiten Liga zurückzieht, war es nochmal an der Zeit vorbei zu schauen. Der gastgebende FK Banik Sokolov empfing den ehemaligen Erstligisten FC Vysočin Jihlava aus der Gegend südlich von Prag in Richtung Brünn. Die Gastgeber konnten nicht einmal ansatzweise mit der Qualität der Gäste mithalten und wurden immer wieder ausgespielt.
Aufgrund der Ligabestimmungen wurde das Hygienekonzept auch durchgesetzt und es wurde von Vereinsmitarbeitern regelmäßig überprüft. Was ich positiv finde und wir uns auch ohne Murren an die Vorgaben gehalten haben. Wie bei allen Spielen auf dieser Tour war die Anzahl der deutschen Zuschauer sehr hoch. Bei Sokolov kam auch noch die Grenznähe hinzu. Da die Mitarbeiter auch bilingual unterwegs waren, konnte sich niemand herausreden, dass die Anforderungen nicht verstehen konnte. Der Andrang am Essens- und Getränkestand sorgte dafür, dass ala Kassierer das Schlimmste eintrat: Das Schlimmste ist wenn das Bier alle ist! Aber nicht nur Bier war irgendwann aus, auch alle antialkoholischen Getränke und Würste, da sie nicht mit diesem Run gerechnet haben. Bei netten Gesprächen über die Vereinsgrenzen hinaus, verlief die Zeit wie im Fluge und die Gäste feierten einen ungefährdeten 3:1 Auswärtssieg, da sie sich fast immer auf die kläglichen Versuche der Heimmannschaft verlassen konnten. Ein höherer Sieg wäre möglich gewesen, aber sie scheiterten an eigenem Unvermögen, aber der Erfolg ging auch in dieser Höhe vollauf in Ordnung.
Mit diesem wilden Ritt durch den Nordwesten Tschechiens ging es ohne Autobahnmaut zurück in die Heimat. Am Ende steht ein torreiches Wochenende in den Niederungen des tschechischen Fußballs und die bestätigte Erkenntnis, dass der FCN ein Depp ist, aber wir ihn doch mögen. Das End vom Lied kennen wir alle. Darauf ein Hoch auf Schleusener und die 96. Minute.
Seit diesem Trip ging es für mich unter der Woche immer wieder in benachbarte Bundesländer v.a. nach Baden-Württemberg, um dort Test-, Pokal- und Ligaspiele in den verschiedenen Kreisen zu verfolgen, da in Bayern noch sehr lange der Zuschauer außen vor bleiben musste. Das Tschechien immer wieder eine fußballerische und kulinarische Reise wert ist, ist dem Leser hinlänglich bekannt, daher gehe ich davon aus, dass es mich, abhängig wohin mich mein Leben führen wird, nach Prag oder in die anderen Orte verschlagen wird.

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