Killerdevils in Frankreich

von Michi Fuchs

Montpellier ist eine vergleichsweise junge Stadt, die erst um das Jahr 1000 gegründet wurde. Sie hat also einen mittelalterlichen und keinen antiken Ursprung. Dies und noch viel mehr haben Suj und ich während der Stadtführung durch die 7. größte Metropole Frankreich gelernt, bevor wir uns endlich zum abendlichen Fußballspiel aufmachen konnten. Meinen Mitstreiter aus Liverpool, des­sen Herz dem FC Everton gehört, habe ich während der zweistündigen Tour getroffen. Als Groundhopper hat er schon unzählige WM- und Ligaspiele in der ganzen Welt besucht. Nebenbei klärte er mich auch noch darüber auf, dass nicht der große FC Liverpool, sondern eben Everton der ursprüngliche Ver­ein in der Arbeiterstadt war. Ursprünglich als Fußballteam der „St. Domingo Methodist Church“ ge­gründet, spielte der Club später sogar an der Anfield Road, zog aber nur wenige Gehminuten weiter in die Goodison Road, nachdem der Landbesitzer die Miete verdoppelte. Zurückbleibende Vereins­mitglieder und ein Vermieter ohne Einnahmen entschlossen sich daraufhin einen neuen Verein zu gründen– den FC Liverpool.

Nach der kleinen Exkursion in die Historie des englischen Fußballs aber wieder zurück in die Ligue 1: Am Samstag nach dem 1. Mai, an dem in Montpellier übrigens wirklich kein einziger Bus bzw. keine einzige Bahn fuhren, machten wir uns also Richtung Stadion auf. An der Abendkasse (das Spiel wurde um 20.00 Uhr angepfiffen) konnte man problemlos noch Karten aller Kategorien er­werben. Ein Sitzplatz neben dem Gästebereich hätte sogar nur 5€ gekostet, jedoch entschied ich mich für den Block der MHSC Supporter und kam dabei mit 10€ immer noch sehr gut weg. Suj hat­te sein Ticket leider bereits online in einem anderen Bereich geordert. Vor dem Stadion ist mir be­sonders aufgefallen, dass es kaum kommerzielle Stände gibt, an denen Bier oder Essen verkauft wird. Im Stadion später sollte sich dieser Eindruck fortsetzen: Alkohol gab es hier gar keinen mehr zu kaufen und Softdrinks wurden von bereits stark angetrunkenen, weiblichen Ultras zu güns­tigen Preisen (ein Wasser = 1€) verkauft. Insgesamt waren sehr wenige Leute mit Alkohol anzutreffen, wohingegen nahezu jeder zweite seinen Joint dabei hatte.

Vor dem Block angekommen fiel mir sofort auf, dass der Bereich mit Absperrband versiegelt war. Nachdem ich einen der Fans angesprochen hatte, erfuhr ich, dass die Ultras damit sicherstellen wol­len, dass die Mannschaft erst in der zweiten Hälfte unterstützt wird. Grund dafür seien die Vor­kommnisse aus dem letzten Auswärtsspiel gegen den einst so glanzvollen AS Saint-Etienne. Dort wurden alle Montpellier-Fans, die nicht in von der Polizei eskortierten Bussen zum Spiel anreisten, nicht ins Stadion gelassen. Da die Club-Verantwortlichen den Fans nicht zur Hilfe kamen, richtet sich dieser Protest nun hauptsächlich gegen ebendiese. Auf die Geschehnisse rund um Hannover 96 an­gesprochen, wussten die meisten auch gleich Bescheid (auch wenn der eine oder andere den Club als H69) betitelte. Insgesamt konnte ich mich gut mit den Fans unterhalten (zumindest mit denjenigen, die zumindest ansatzweise englisch sprachen) und erwarb u.a. einen Satz Sticker am Verkaufsstand.

Die meisten Unterstützer trugen einen Pullover mit der Aufschrift Ultras Montpellier 1974. Dies geht auf die Geschichte des Vereins zu­rück. Der Montpellier Hérault Sport Club wurde natürlich nicht, wie es sein Vereinszeichen nahe­legt, 1974 gegründet, sondern geht auf den 1919 ins Leben gerufenen Club Stade Olympique Mont­pelliérain zurück, der 1969 - inzwischen unter dem Namen US Olympique de Montpellier - aufge­löst und als Montpellier-Littoral FC neugegründet wurde. 1974 kam man nach einer Fusion zum Namen Montpellier La Paillade SC. Die Hauptgruppe der Supporter scheinen die Armata Ultras 2002 zu sein.

Das Spiel selbst erinnerte mich doch sehr an eine Partie des Ruhmreichen und so hatte es eigentlich nur noch gefehlt, dass ein bemühtes, aber glückloses Montpellier gegen Rennes, das nicht wirklich agieren wollte, am Ende noch das 0:1 bekommt. Es blieb aber bei einem leistungsgerech­ten Remis. In der zweiten Halbzeit wurde dann auch noch richtig Stimmung gemacht. Die Anhänger sangen – von zwei Capos angetrieben - von Anfang bis Ende durch. Die schlechte Leistung ihrer Mannschaft schien dabei niemanden zu interessieren.

Fazit: Dank der Atmosphäre in der zweiten Hälfte haben sich die 10€dann auch gelohnt und insge­samt war es eine interessante Erfahrung, ein französisches Erstligaspiel zu besuchen.

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