Griechischer Wein bei Schalke international

von Andreas König

Die Auslosung für die Zwischenrunde der aktuellen Europa League brachte die Begegnung FC Schalke 04 gegen PAOK Saloniki. Diese Begegnung hatte eine gewisse Vorgeschichte und durch die bestehende Freundschaft zwischen Fans vom FC Schalke 04 und Vardar Skopje hat sie auch politische Brisanz. Die Begegnung auf Schalke in der Qualifikation für die Champions League 2013/2014 ist mit dem Polizeieinsatz wegen der mazedonischen Fahne in der Nordkurve vielen sicher noch in Erinnerung. Das Rückspiel wurde ohne Publikum gespielt.
Mit dieser Vorgeschichte und den zusätzlichen Informationen der Abteilung Fanbelange ging es via Berlin in Richtung Thessaloniki. Nach kurzer Suche wurde auch der Angestellte der Autovermietung aufgetan, der mich mit unserem späteren Mietwagen zu deren Büro brachte. Im Anschluss ging es nach einigen Gesprächen über die genauen Vertragsunterlagen mit dem schicken Fiat in Richtung Serres, um dort das Zweitligaspiel zwischen Panserraikos FC und Lamia FC zu besuchen. Die Fahrt nach Serres ging in Richtung Berge und die Kurvenradien waren doch teilweise sehr gewöhnungsbedürftig, aber am Ende konnte problemlos der Zielort erreicht werden. Dabei durfte als musikalischer Einstieg natürlich „Griechischer Wein“ nicht fehlen. Ein Ligaspiel, welches unter der Woche um 15:00 Uhr angepfiffen wird? Die Lösung erfuhr ich in einem Restaurant: Es war Fasching und alle hatten heute frei und es durfte nach sechs Wochen auch wieder Fleisch gegessen werden, was viele dazu nutzten, um ordentlich zu grillen. Da die Zeit bis zum Anstoß noch einen griechischen Snack zuließ, wurde die Sonne bei einer kleinen Fleischplatte genossen. Trotz der Möglichkeit ins Stadion zu gehen, war die Resonanz eher gering, was wahrscheinlich auch an der schlechten Tabellensituation der Gastgeber gelegen hatte.
Das Stadion ist ein bereits in die Jahre gekommener Bau, der mitten in einem Wohngebiet liegt und daher einen gewissen Charme ausübt. Im Gegensatz zu Deutschland und England sind die griechischen Stadien häufig relativ wenig besucht. Das traf natürlich auch auf dieses Spiel zu. Die zweitplatzierten Gäste waren die klar spielbestimmende Mannschaft und gingen folgerichtig auch in Führung. In der ersten Halbzeit wechselte der Heimtrainer aufgrund schlechter Leistungen seiner Mannen gleich zweimal aus, was aber auch nicht viel helfen sollte. In der Halbzeit wollte ich mir einen Espresso an dem Verkaufsstand auf der Tribüne kaufen. Nach einem Anruf in einer umliegenden Bar wurde mir versprochen, dass das Getränk in zwei Minuten da ist. Ich hatte in der Halbzeit eh nichts Besseres zu tun, also wartete ich auf meinen Espresso. Aus den zwei Minuten wurde dann gut und gerne eine Viertelstunde und kurz nach Anpfiff hatte ich das Heißgetränk in meinen Händen. Es wurde auch mir auch tatsächlich von außen gebracht und war trotzdem noch schön heiß. Wieder was Neues gesehen... An der abflachenden Partie jedoch, konnten auch die zwei Buden der Gäste nichts mehr ändern. Mit dem Abpfiff ging es direkt zum Auto, um sich auf den Weg zurück nach Saloniki zu machen, denn am Abend stand bekanntlich die Partie zwischen PAOK Saloniki und den Eurofightern aus Gelsenkirchen-Schalke auf dem Plan.

Mit Glück wurde nach einer ereignisarmen Rückfahrt ein Parkplatz gefunden, um sich dann auf den Weg zum weißen Turm (dem verpflichtenden Treffpunkt für alle Schalker) zu machen. Nach einem kurzen Blick auf die Bucht von Thessaloniki wurde der Turm erreicht und bereits von weitem waren die vergitterten Mannschaftswagen zu sehen, die für eine künstliche Verengung sorgten, um dort die erste Kontrolle durchzuführen. Diese Kontrollen waren denen an Flüghäfen würdig, aber akzeptabel. Dies alles wurde von den Mitarbeitern vom Schalker Fanprojekt und der Abteilung Fanbelange überwacht. Die wartenden Reisebusse wurden einzeln befüllt, was zu langwierigen Verzögerungen führte, so dass die Fans teilweise erstmal eine dreiviertel Stunde in diesen Bussen saßen bis es überhaupt in Richtung Stadion ging. Dabei durfte die Motorrad-Eskorte von Kette rauchenden Polizisten natürlich nicht fehlen. An der ursprünglichen Abfahrt hat sich anschließend ein Stau gebildet und Einheimische parkten am Straßenrand. Daher wurde ein weiterer Umweg gefahren, um dann durch schmale Straßen - u.a. auch an PAOK-Fans vorbei - zum Stadion gebracht zu werden.
Bei unserer Ankunft war der Heimbereich bereits sehr gut gefüllt und die Fans sangen sich intensiv ein, was schon von draußen durchaus beeindruckend war. Wie in der Fan-Info angekündigt gab es nur kleine Tore, durch die es zum Stadion hineingeht. Ein Mitarbeiter vom FC Schalke informierte uns noch vorher darüber, dass einem Feuerzeuge und Kleingeld, sofern es nicht im Geldbeutel verstaut war, abgenommen wird. Leider sollte das mein Kleingeld nicht schützen, jedoch war ich nicht der Einzige, dem das passiert ist. Vorher wurden wir erneut intensiv kontrolliert, wobei wir keine Chance hatten uns etwas zu Essen oder Trinken zu kaufen. Dies war jedoch irrelevant, denn mit diesen Ordner war nicht gut Kirschen essen. Während meiner leicht genervten Abgabe des Kleingeldes wurde mir mitgeteilt, dass das doch in meinem Land auch so sei und ich nicht widersprechen sollte, wenn ich keinen weiteren Stress haben wollen würde. Bevor es in den Block ging, wurde noch der Unisex-Sanitärbereich aufgesucht, in dem gerade mal ein Klo für Frauen vorgesehen war (außer Frau wollte die weiteren Toiletten im Stehen aufsuchen).
Diese gesamten Vorkommnisse habe ich in Teilen so erwartet, aber nicht in dieser Heftigkeit und meine Lust sich das Spiel anzuschauen, war auf dem Nullpunkt v.a. als plötzlich die UEFA-Trailer zu Toleranz und No Racism über die Anzeigentafel flimmerten. Einen größeren Widerspruch zu den „offiziellen“ Werten der UEFA und dem gerade erlebten konnte es aus meiner Sicht nicht mehr geben. Aber es sollte noch nicht das Ende der Fahnenstange sein, was dieser griechische Abend für uns bereithalten sollte.
Mit einer großen Überziehfahne auf der Gegengeraden wurde das Spiel eingeläutet und zu Beginn war der Lärmpegel von den Fans von PAOK sehr hoch und sobald wir Gäste zaghaft anfingen zu singen, wurden wir ausgepfiffen. Plötzlich gab es Unruhe im Gästeblock und alle wichen zurück. Was genau geschehen war, konnte ich zu dem Zeitpunkt nicht genau sagen, aber wir rückten alle zusammen und ließen uns von dem plötzlichen Auftauchen der Ordner und zusätzlicher Polizei nach einer gewissen Zeit nicht weiter irritieren. Vor allem waren diese Ordner nicht in dem offiziellen Outfit der anderen Ordner gekleidet. Währenddessen nahm die Lautstärke der Heimfans immer weiter ab, wohingegen in dem gleichen Maße die spielerische Überlegenheit von den Knappen zunahm.
Mit Beginn des Spieles wurden zwei Transparente entrollt und über die gesamte Gegengerade und im Supportersbereich der Heimkurve befestigt. In der Heimkurve hing mit einer Karikatur Merkels mit einem Hitlerbart folgender Spruch: \"Fucking Nazi get out of here!\". Gestört hat dies niemanden - es wanderte während des gesamten Spieles zwischen Gegengerade und Heimtribüne. Das zweite Banner, welches zu Beginn auf der Gegengerade angebracht war, lautete in Richtung Skopje: Macedonia is one and only and it’s here!
Die Gästeüberlegenheit münzte nach knapp dreißig Minuten der Ösibomber Burgi in das erste Tor um, was natürlich für erste Jubelstürme im Gästeblock sorgte und der Heimstimmung einen ordentlichen Dämpfer verpasste. Die Furcht, dass die Heimmannschaft das Ergebnis noch egalisieren könnte, wurde in der 82. Minute durch das „Kopfballungeheuer“ Max Meyer minimiert und mit dem Treffer des Hunters in der Nachspielzeit wurde ein verdienter Auswärtssieg eingefahren, was natürlich den Heimfans nicht schmeckte und sie veranlasste, uns mit Gesten herauszufordern. Die angekündigte Blocksperre dauerte am Ende knapp neunzig Minuten und wer dachte, dass es jetzt zu Ende war und wir entspannt zu unserem Ausgangspunkt zurückgebracht werden würden, wie es angekündigt war, der sah sich getäuscht. Ohne vorherige Information wurden wir nicht am weißen Turm rausgelassen, sondern an einer anderen Stelle, die circa zwei Kilometer davon entfernt war. Der Auswärtssieg wurde noch bei griechischem Wein, Ouzo und ein paar kühlen Bieren im Hotel gefeiert, um dann kaputt aber glücklich in die Falle zu fallen. Viel zu früh schellte am nächsten Morgen der Wecker, um das edle Gefährt wieder beim Vermieter abzuliefern und diesmal ohne viel Rennerei am Terminal anzukommen und wieder zurück ins kühle nasse Deutschland zu fliegen.

Der ursprüngliche Plan sah jetzt die Regionalliga-Nordost-Partie zwischen Budissa Bautzen und FSV Union Fürstenwalde vor. Diese wurde jedoch wie so viele andere Partien in den unteren Ligen verschoben. Somit konnte ich leider das Schmankerl zwischen dem Tabellensechszehnten und dem Tabellenfünfzehnten der Regionalliga Nordost nicht mehr sehen, was jedoch eine entspanntere Reise nach Tschechien zur Folge hatte. Den Abend ließ ich in einem alten Variete, welches nun eine Brauereigaststätte ist, ausklingen und schlief mich am nächsten Morgen aus, um mir abschließend noch das Erstligaspiel zwischen FK Teplice und dem 1. FC Brünn anzusehen. Auch dieses Mal spielte wieder unser alter Kapitän, der nach der Auswechslung des ursprünglichen Kapitäns kurz vor Ende die Kapitänsbinde übernehmen durfte. Das Stadion in Teuplitz war mit knapp über 2000 Zuschauern nur sehr spärlich besucht. Viele Höhepunkte bot das Spiel am Ende leider nicht und so trennten sich beide Mannschaften friedlich mit 1:1 und für mich ging es dann quer durch das verschneite Erzgebirge zurück in die Noris, um dort im eigenen Bett auszuschlafen und von den nächsten nationalen und internationalen Fahrten zu träumen. Stockholm im Mai soll z.B. schön sein ;-).


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