Derby della capitale

von Andreas König

Ein Traum vieler Fußballfans und Hopper ist das „Derby della capitale“. Das römische Stadtduell zwischen der Roma und Lazio. Ende September wurde mein persönlicher Traum war, wobei ich im Gegenzug auf ein Spiel des Ruhmreichen verzichten musste, aber manchmal müssen eben Opfer gebracht werden. Der FCN würde sicher auch ohne mich das wichtige Spiel gegen Düsseldorf gewinnen, was er am Ende auch mit einem beruhigenden 3:0 tat.
Die erste Nervenprobe bereitete mir Ryanair, nachdem ich mein Quartier per üblicher Suche bei einem netten jungen Mann, der auch noch Romanista ist, gefunden hatte. Nicht, dass ich den Wunsch nach besseren Arbeitsbedingungen verstehen würde, nur bin ich auch ein bisschen egoistisch, denn nur ungerne hätte ich mehr Geld für meinen möglichen Plan B ausgegeben. Am Freitag sollte nämlich u.a. in Italien bei Ryanair gestreikt werden, was aber glücklicherweise nicht meinen frühen Flug betraf. So stand ich um kurz vor 06:00 Uhr in der Frühe im Flughafen und machte mich auf den Weg gen Rom. Während das Wetter in Deutschland eher kühl war, sollten mich in Rom Höchsttemperaturen von bis zu 27 Grad und strahlender Sonnenschein erwarten. Da machte der Abschied aus Nürnberg gleich noch mehr Spaß.
Das Gepäck geholt und mit dem Bus gen U-Bahn, so entspannt ging es gen City. Aufgrund des frühen Endes der Nacht hatte ich noch keinen Kaffee getrunken und was bietet sich da in Rom an? Richtig einen Kaffee zu trinken. Mein Quartier konnte ich eh noch nicht beziehen, so genoss ich die Zeit in der Bar und überlegte mir den weiteren Tagesablauf, welcher v.a. ein bisschen Chillen und Spazierengehen umfassen sollte. Dank des schwarzen Goldes wurde ich nun auch deutlich munterer und machte mich mit dem Bus auf den Weg in meine Unterkunft, wobei hier positiv erwähnt werden muss, dass der Bus halbwegs pünktlich fuhr, womit ich auch bald einchecken konnte und mich erst einmal auf mein Bett fallen ließ, da ich doch ein wenig platt war, ob der frühen Uhrzeit. Das Wetter auf dem Balkon genießend las ich in meiner aktuellen Lektüre und beglückwünschte mich zu dieser Entscheidung.
Die praktisch vor der Wohnung fahrende Tram brachte mich direkt zum Piazza Venezia, um dort noch ein paar Touri-Tufnahmen zu machen, aber kurz danach wollte ich die älteste Peronibar in Rom aufsuchen. Natürlich sind die Getränkepreise in Italien speziell in Rom deutlich höher als in unseren Gefilden, aber ich gönnte mir ein Gläschen bevor ich mich auf den Weg in ein leckeres Ausgehviertel machte, um dort ein bisschen was zu essen und bei traumhaften Wetter den Tag ausklingen zu lassen, da am Samstag mein Hauptgrund für diese Reise stattfinden sollte. DAS Derby in Rom bei der Roma daheim - was wollte ich mehr. Ein Ticket konnte ich mir rechtzeitig sichern, was mir den Frust der letzten Reise nach Rom ein wenig verschmerzen ließ, da ich für das Rückspiel gegen Liverpool keine Eintrittskarte erwerben konnte und so das Spiel in einer der wenigen Bars verfolgen musste. Um das Derbyflair etc. aufzusaugen, entschied ich mich ab einem bestimmten Ort gen Stadion zu pilgern. Ein kleiner Espresso und ein scharfer Kebab sollten natürlich auch nicht fehlen auf dem Weg dorthin. Die Fans der Roma bildeten die überwältigende Mehrheit auf dem Weg gen Stadion. Laziali, wie die Tifosi von Lazio heißen, habe ich vor dem Spiel rund um das Stadion nicht wirklich wahrgenommen. Das Kribbeln im Bauch wurde von Meter zu Meter spürbarer und auch die Anspannung, denn in meinem ersten Derby wollte ich auch einen Sieg meines bevorzugten Teams sehen. Es kam wie es irgendwann mal in Italien kommen musste. Mein Name im Perso und auf der Karte stimmte aufgrund des Umlautes nicht überein. Eine freundliche und beflissentliche Security-Mitarbeiterin fragte einen Vorgesetzten und kam kurz danach lächelnd zurück und ich durfte den Stadionbereich betreten. Aber in der Zeit ihrer Abwesenheit ging mir der Arsch doch ein wenig auf Grundeis. Was würde passieren, wenn sie daran was auszusetzen haben. Darf ich dann nicht eintreten oder wie sollte es weitergehen? So nah vor meinem großen Traum und dann würde er ggf. zerplatzen wie eine Seifenblase, aber glücklicherweise löste sich ja alles in Wohlgefallen auf und ich konnte zu den weiteren Kontrollen gehen. Für ein Derby waren die Sicherheitskontrollen dermaßen lasch, dass ich mal wieder an der Sinnhaftigkeit von diesen zweifelte. Größeres Interesse bestand weder an meinem Turnbeutel noch an meinen Hosentaschen.
Natürlich hatten viele Sponsorenpartner ihre Stände aufgebaut und alles schön in den Vereinsfarben gebrandet und einer der Fan- oder Marketingabteilung hat das Publikum mit einem Quiz bespaßt. Auch konnte man sich mit VR-Brillen auf eine aufgebaute Trainerbank setzen und wahrscheinlich das Feeling von dort mit einem Blick auf den Platz etc. genießen. Von all diesen Möglichkeiten habe ich nur den Getränkestand genutzt und mir eine recht teure Hopfenkaltschale geholt. Sonst habe ich nur die Atmosphäre des Derbies und der Menschen auf mich wirken lassen und habe die Sonne genossen. Das Wetter war echt einfach wunderbar. Jedoch rückte der Anpfiff unaufhaltsam näher und ich machte mich auf den Weg in die Arena, um dem Kampf der Gladiatoren beizuwohnen und all das auf mich wirken zu lassen. Beim Eintritt in den Block machte sich bei mir eine gewisse Ernüchterung breit, da es bereits vierzig Minuten vor Anpfiff war und beide Kurven noch relativ leer waren. Die Platzsuche verlief im Vergleich zu früheren Spielen im Olympico relativ unproblematisch und ich fand mich wirklich ziemlich weit vorne wieder. Natürlich waren auch viele nicht Romafans in dem Bereich unterwegs, da die Karten mit ca. 45 € außerhalb der Kurven doch noch recht günstig waren. Selfies etc. wurden natürlich von vielen auch dort geschossen. Nach und nach wurden die Fahnen in der Sud vorbereitet und auch die Gastkurve bereitete sich immer mehr vor und wurde auch voller. Pünktlich zu den beiden Hymnen und dem Einmarsch der 22 Gladiatoren plus dem Schirigespann wurde es lauter. Das Mitsingen und die Atmosphäre erzeugte eine Gänsehaut. Endlich stand DAS Spiel für mich an. Große Choreos wurden von beiden Seiten nicht durchgeführt, aber da u.a. auch ein Kurvenbereich in Richtung Gegengerade komplett geschlossen war, war das weite Oval auch nicht ausverkauft, da nur knapp über 47000 Zuschauer sich das Spiel anschauten. Der Roma-Trainer hatte durch den Sieg unter der Woche gegen den Tabellenletzten aus Frosinone Aufschub erhalten und auch die Mannschaft war ein wenig gefestigter als in den Spielen vorher. Jedoch erzeugte von Beginn erstmal der „Gast“ mehr Torgefahr, was mir doch immer wieder den Angstschweiß auf die Stirn trieb. Als dann auch der Hakentorzauberer Javier Pastore verletzungsbedingt ausgewechselt werden musste, stieg die Furcht vor einem Debakel an. Alles deutete auf ein torloses Remis zur Pause hin, aber der für Pastore eingewechselte Lorenzo Pelligrini erzielte per Hacke mit dem Rücken zum Tor das vielumjubelte Führungstor für die Romanisti. Motiviert bis in die Haarspitzen erwartete ich die zweite Halbzeit. Wie sicher auch der ehemalige Weltmeister Simone Perotta der Roma, der „seine“ Curva Sud vor dem Spiel besucht hatte und sich bei mir bedankt hatte.
Die zweite Halbzeit gestaltete sich offener und dank eines groben Abwehrschnitzers von Fazio konnte der Ex-Dortmunder Ciro Immobile in 67. Minute ausgleichen. Der Jubel der Laziali war jedoch kaum verhallt, da schlug nach einem Foul in relativ zentraler Position vor dem Strafraum die Stunde von Alexandar Kolarov, der bei seinem ersten Aufenthalt in der ewigen Stadt beim Stadtrivalen spielte, bevor er für lange Jahre zu ManCity wechselte. Seit letzter Saison beackert er die linke Defensivseite der Roma und ist für viele Standardsituationen zuständig. So eine Standardsituation nutzte er, um die Curva Sud zum explodieren zu bringen. Der direkt verwandelte Freistoß vor der Heimkurve sorgte für eine wahre Jubelexplosion und man konnte ihn gefühlt unter dem Jubelknäuel der Mannschaft nicht mehr finden. Gesten wurden aufgrund dieser schnellen Antwort natürlich ausgetauscht. Die Heimfans hatten nun wieder Oberwasser, was auch an mir nicht spurlos vorbeiging. Der Support, der vorher erstorben war, stieg nun wieder an, aber nicht so durchgängig, wie vielleicht erwartet. Als Fazio seinen Fehler vom Ausgleichstreffer kurz vor Ende nach einer Freistoßflanke von Pelligrini den Ball per Kopf im Laziokasten unterbrachte, brachen in der Sud alle Dämme und auch die Mannschaft jubelte ausgelassen. Die Lautstärke und auch die Namenswiederholungen wurden gefühlt mit jedem Tor mehr ;-) Auch war der Widerstand der Gäste nun gebrochen und das Spiel war entschieden. Meiner Meinung nach gewann die richtige Mannschaft und pirschte sich wieder an die oberen Plätze heran. Zwar stimmte die Abstimmung bei manchen noch nicht und Džeko haderte immer wieder mit den ungenauen Abspielen etc.. Bei ihm lief die Tormaschine noch etwas stockend, aber am kurz danach folgenden zweiten Spieltag der CL schoss er sich den Frust mit einem Hattrick gegen überforderte Spieler von Viktoria Plzen vom Leib.
Trotz des kurzen Besuchs der Mannschaft in der Kurve leerte sich das Stadion doch relativ zügig und auch ich machte mich auf den Weg, um auf dem Rückweg noch das legendäre Stadio Flaminio zu besichtigen, wo der Ruhmreiche einen grandiosen Sieg gegen die Roma einfuhr, da damals für die WM’90 das Olympico umgebaut wurde. Leider wird das kommunale Stadion aktuell nicht genutzt und rottet vor sich hin. Es wird von Wohnungslosen etc. bewohnt und verfällt immer mehr, aufgrund verschiedener Vorfälle wird es aktuell sogar bewacht.
Mit Aperitivo und Beilagen in Form von Chips etc. wurde der Abend eingeläutet, der mit fritti misti, Burger, Wein und Bier ausklang. Da die U-Bahn und andere Verkehrsmittel nicht ewig fahren und ich am Morgen sehr zeitig los musste, machte ich nicht allzu spät auf den Weg gen Unterkunft. Leider war mein Handyakku tot und ich habe daher auch meinen Bus nicht gefunden. So wurde es eine leichte Odyssee, welche am Ende mit einem Taxi ihren Abschluss fand. Dank Ryanair sollte die Nacht auch recht kurz werden, aber immerhin sollte der Flieger gehen. Mit einem problemlosen Checkout und einer schnelleren Fahrt der Busse dank leerer Straßen Sonntagmorgens um 06:00 Uhr erreichte ich überpünktlich meinen Flughafen. Gestärkt mit einem Kaffee, aber immer noch ein wenig müde harrte ich aus bis es zurück gen Nürnberg gehen sollte. Der gesamte Flug verlief unspektakulär und so landete ich kurz nach halb elf in Nürnberg. Glücklicherweise hatte ich keine weiteren Verpflichtungen an dem Tag, denn die Gepäckausgabe verzögerte sich dank eines vorherigen Flugs aus Istanbul um knapp 45 Minuten. Somit brauchte ich meine Pläne bzgl. Eines weiteren Spieles an dem Tag nicht weiterverfolgen und fuhr heim, um mich auf meine neue Tätigkeit vorzubereiten und einfach auszuschlafen, mein Buch zu Ende zu lesen etc..
Der Kurztrip nach Rom lohnte sich auf jeden Fall und dass die Roma das Derby gewann war natürlich eine absolute Krönung, wenn auch nicht alles perfekt an dem WE war. Rom, das Olympico und die Kultur werden mich definitiv wiedersehen, ob und wann das sein wird, kann ich noch nicht sagen, aber ich komme zurück. Natürlich helfen meine Sprachkenntnisse beim Zurechtfinden etc., aber die Faszination für das Land etc. bestand bereits vor meinen längeren Aufenthalten. Durch das Leben in dem Lande vertiefte sich bei mir die Verbundenheit und auch das Verständnis für das Land.

Ci vediamo Roma e alla prossima e state mi bene.

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