Clásico tapatío

von Michi Fuchs

Das älteste Derby (Clásico) Mexikos ist das Aufeinandertreffen der beiden Stadtrivalen aus Guadalajara, Atlas (Fútbol Club) und Chivas (Club Deportivo Guadalajara), welches seit dem 15. September 1916 die Herzen der Fans höher schlagen lässt. Dank der Hilfe eines Freundes, der bei den Rojiblancos in der Kurve steht, habe ich eine Karte für das Spiel ergattern können.

In der ersten mexikanischen Liga kann man die Kurve (barra) bei Heimspielen, bei denen es sich gleichzeitig um Pflichtspiele handelt, nur betreten, wenn man sich vorher registriert hat und beim Einlass eine entsprechende Identifikation vorzeigen kann. Deshalb war dieser Klassiker ein gute Gelegenheit für mich, da das Spiel zwar in Guadalajara stattfand, für die Rebaño aber trotzdem ein Auswärtsspiel war. Im Gästeblock fällt diese Kontrolle nämlich weg.

Die Fans der Chivas sammelten sich bereits um 16 Uhr an einem weitläufigen Platz ca. 3 km südlich des Stadions. Auf diesen Treffpunkt haben sich Polizei und Anhänger bereits seit vielen Jahrzehnten festgelegt, da er den Interessen beider Parteien entgegenkommt. Um auf den Platz zu gelangen, wo bereits ausgiebig zu Trommelrythmen gesungen und getanzt wurde, mussten wir uns dann auch der ersten Körperkontrolle der zahlreich vorhandenen Polizei unterziehen. Nach und nach kamen immer mehr hinchas der Rot-Weißen in (bzw. Auf) ihren eigenen Fanclub-Busen aus allen Teilen der Stadt (und auch von außerhalb) an dem Treffpunkt an. Die Polizei formte vor den ankommenden Bussen jeweils einen Gang, sodass alle aussteigenden Fans einen Spießroutenlauf inklusive Abtasten durchlaufen mussten. Mit einiger Verspätung ging es dann nicht wie geplant um 17 Uhr, sondern est um 18 Uhr los in Richtung Stadion. Da das Spiel für 19 Uhr angesetzt war, hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon keine große Hoffnung mehr, rechtzeitig zum Anpfiff in die Kurve zu kommen.

Auf dem Marsch Richtung Estadio Jalisco, mit einer Kapazität von 56.713 das drittgrößte Stadion des Landes, wurde unter Begleitung von Polizisten zu Fuß, zu Pfed und in der Luft fröhlich gesungen, getanzt und auch der ein oder andere Rauchtopf sowie einige Fackeln gezündet. Hier und auch später im Stadion wurde allerdings deutlich, dass die verwendeten pyrotechnischen Utensilien eher geringerer Qualität (chafa) waren und was Dauer und Intensität betrifft in keinster Weise mit den Materialien aus Deutschland oder gar Osteuropa mithalten können. Die Gesänge richteten sich in erster Linie direkt gegen den Konkurrenten Atlas, wohingegen Lobgesänge (cánticos) auf das eigene Team seltener zu hören waren. Das meist gesungene Stück des Abends ging folgendermaßen:


Pasan los años, pasan los días,
los jugadores no salen campeones.
Sola una copa en su vitrina,
seran amargos toda su vida.
Rojinegro cagón, rojinegro cajón...


Als wir dann ca. 15 Minuten vor Spielbeginn am Stadion ankamen, erwarteten uns zahlreiche Einlasskontrollen und unter den aficionados machte sich zunehmend Unruhe und eine gereizte Stimmung breit. Als die Sicherheitskräfte an der letzten Kontrolle vor dem Block schließlich niemanden mehr passieren ließen, kippte die Stimmung und die Anhänger versuchten die Ordner an der Schranke zu überrennen. Zu diesem Zeitpunkt war die Partie bereits seit 10 Minuten im Gange. Das Vorgehen der Chivas-Fans veranlasste die Polizei zum Eingreifen mit Gummigeschossen und Pfefferspray. Nachdem die Fanmeute daraufhin zurückwich, musste eine saubere, eingliedrige Reihe gebildet werden, ehe die Eingreiftruppe die wartende Menge ins Stadion lies. Endlich dort angekommen, waren dann auch bereits 25 Minuten vergangen und wir kamen gerade richtig, um den berechtigten Elfmeter zum 1:0 für die Rebaño zu bestaunen.

Die Stimmung in der ersten Hälfte war vor allem unter den Rojiblancos sehr gut, was natürlich auch an der überzeugenden Vorstellung ihrer Mannschaft und dem verdienten 2:0 Pausenstand lag. Gastgeber Atlas hatte als Auflage für die Gästefans jegliche Spruchbanner, Fahnen oder Instrumente im Stadion verboten - selbst Gürtelschnallen oder Feuerzeuge durften nicht mit in die Kurve genommen werden. Weiterhin fiel auf, dass nahezu die Hälfte Fans der Chivas waren, obwohl es sich offiziell ja um ein Auswärtsspiel handelt und Atlas natürlich die Tickets in erster Hand an seine Mitglieder verkauft hatet. In der zweiten Hälfte flaute dann allerdings sowohl die Partie als auch der Support von den Rängen ein wenig ab und erst in der Schlussphase, als Atlas aus heiterem Himmel der Anschlusstreffer gelang, wachte das Stadion wieder auf. Letztendlich festigten die Chivas aber ihre Vorherrschaft in der Perla del Occidente mit einem leistungsgerechten 2:1 Sieg. Nach und während des Spiele gab es auf der Gegengeraden und vor dem Stadion noch zahlreiche kleinere Schlägereinen und die Mitlgieder der barra machten sich schließlich wieder auf dem Weg zurück zu dem Platz, an dem einige Stunden zuvor alles begann.

Zusammenfassend muss gesagt werden, dass die Polizeipräsenz und die offen zur Schau getragenen Waffen – was in Mexiko aber durchaus alltäglich ist – doch sehr übertrieben und dadruch auch provokativ wirken. Die Einlasskontrollen am Stadion sind sehr uneffektiv organisiert (sehr enge Stellen für zu viele Menschen), sodass es nahezu zwangsläufig zu einem verspätetem Eintritt ins Stadion und somit Frust bei den Fans kommt. Die Stimmung im Stadion war sehr gut, kann aber nicht mit der Stimmung bei deutschen Derbies mithalten. Gerade was die Koordination in der Kurve betrifft, besteht hier noch Nachholbedarf – wobei den Fans auch zu Gute gehalten werden muss, dass sie z.B. keinerlei Trommeln mit ins Stadion nehmen durften. Ich bin jedenfalls schon auf die Stimmung beim Súper Clásico gespannt.

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