Ciao Davide

von Andreas König

Nach Januar – mit Lecce und Foggia im Süden – ging es für mich mit dem irischen Billigflieger nach Bergamo, um von dort Venedig zu kreuzen und endlich mit Cagliari die Serie A zu komplettieren.
Da ich den Flug und die Reiseplanung im Januar abgeschlossen hatte, wurde ich von den Ereignissen des letzten Spieltages mit dem natürlichen Tod des 31-jährigen Fiorentinakapitäns Davide Astori kalt erwischt. Der letzte Spieltag wurde nach Bekanntgabe des Todes bekanntlich abgesagt, aber der folgende Spieltag stand dementsprechend unter keinem guten Stern.
Die Bilder, Videos und Emotionen der Beerdigung gingen um die Welt und berührten mich zutiefst.
Nach einer verspäteten Heimkehr aus Bielefeld ging es mit marginalem Schlaf in Richtung Bergamo mit dem irischen Billigflieger. Im Anschluss fuhr ich mit dem Mietwagen bis Verona, um von dort mit dem Frecciarossa in knapp über einer Stunde in Venedig anzukommen. Bisher habe ich das Stadion nur von außen gesehen, aber Venedig ist bekanntlich immer wieder eine Reise wert. So war ich trotz leichtem Regen motiviert und spazierte durch die Stadt und langsame in Richtung des Stadions. Natürlich wurden wieder zig Fotos gemacht und auch ein paar Kaffee getrunken, da die vorherige Nacht mit knapp einer Stunde Schlaf nach dem Bielefeldspiel und einem langsamen Dacia als Mietwagen eher kurz war. Die Ankunft am Stadion ist natürlich in Venedig etwas Besonderes, denn wann tritt man aus einer Calle heraus und steht praktisch nur durch einen kleinen Kanal getrennt vor einem Stadion? Wahrscheinlich nirgends sonst außer in Venedig? Da die ursprünglichen Ticketfenster mit Backsteinen zugemauert wurden, gibt es nun hässliche rote Kioske am Stadion, an denen man sein Ticket lösen kann. Aufgrund der Wettersituation erstand ich ein Ticket auf der „Haupttribüne“, welche als einzige mit einem Wellblechdach überdacht ist. Das Stadion präsentiert sich eher in einer Mischung aus Stahlrohrtribüne und einem leicht abgerockten Charme. Genau wie ich es an Stadien liebe, da ich kein Fan dieser großen neuen schicken Arenen bin. Während meines Spazierganges entlang der Calle Venedigs habe ich kurz hinter dem Markusplatz und dem Arsenale ein Vaporetto mit lautstark singenden Fußballfans vorbeifahren gesehen. Dies sorgte in meinem Inneren für ein gewisses Kribbeln, welches durch das Antreffen einiger Fans an einer Bar in Stadionnähe noch verstärkt wurde.
Beide Fanlager waren somit im Stadion zu sehen.
Der traurigen Nachricht der Vorwoche entsprechend gab es zu Beginn eine Gedenkminute für Davide Astori. Das gesamte Stadion war zu dieser Zeit muxmäuschen still. Im Vergleich zu den Erlebnissen am nächsten Tage war dies eine wahrliche Ouvertüre, aber an diesem Tage habe ich daran noch nicht gedacht. Das Spiel zwischen dem Aufsteiger aus der Lagunenstadt und dem Kellerkind aus Ascoli entwickelte sich wie erwartet. Die Gastgeber besaßen die bessere Spielanlage, auch wenn beide Seiten nicht für riesige Torgefahr bis zum Halbzeitpfiff sorgten.
Nach dem Wiederanpfiff legte die von Pippo Inzaghi trainierte Heimmannschaft besser los und bekam kurz darauf einen Elfmeter zugesprochen, der auch sicher verwandelt wurde. Mit diesem Tor im Rücken gewannen die Gastgeber immer mehr die Überhand über den Tabellenletzten. In der Schlussviertelstunde kam noch ein wenig Spannung auf, was u.a. darin begründet ist, dass ein Gästespieler innerhalb von zwei Minuten zweimal eine gelbe Karte gezeigt bekam. Dieser Entscheidung folgend packten die Gästeultras ihre Fanutensilien weg und stellten auch jeglichen Support ein. Sie warteten im Nachgang auf ein klärendes Gespräch mit der Mannschaft.
Direkt neben dem Gästeblock hing eine Zaunfahne in den heimischen Vereinsfarben der Ultras over 60. So eine Zaunfahne ist mir in meinem bisherigen Leben auch noch nicht wissentlich unter die Nase gekommen.
In Richtung Bahnhof ging es dieses Mal stilecht mit dem Vaporetto, um den Abend bei einer leckeren Pizza in Verona ausklingen zu lassen. Wobei die Nacht traditionell im BB Bergamo verbracht wurde, da es am nächsten Morgen mit dem Flieger zum Komplettieren der Serie A nach Cagliari gehen sollte.
Der irische Billigflieger machte diesen Ausflug möglich, wodurch ich mit einem Tagesausflug von Bergamo aus Cagliari anfliegen konnte. Nach einer Polizeikontrolle, in dessen Verlauf sie meine Daten für ihre Statistik aufgenommen hatten, ging es für 1,30€ mit dem Zug nach Cagliari. Kaum aus dem Bahnhof raus, stand ich praktisch schon in einem Ladiesrun. Rosa Farbe auf der Straße und Männer, die die Frauen anfeuerten. Naja mein Ding war es nicht, daher ließ ich das Spektakel links liegen und erkundete fußläufig die Stadt. Gestärkt mit einem Stück Schwertfisch marschierte ich gen Stadion. Leider ist das WM-Stadion im Abbruch befindlich und aktuell wird in einem Stahlrohrstadion gekickt, aber bereits im Umfeld des Stadions wurde mir wieder etwas schmerzlich bewusst. Davide Astori spielte vor seinem Wechsel zur Roma und dem anschließenden Transfer zur Fiorentina längere Zeit bei Cagliari Calcio. Entsprechend emotional gestaltete sich die Vorspielphase und Davide wurde immer wieder mit Gesängen u.a. gewürdigt. Die Gedenkminute war mit das Beeindruckendste was ich beim Fußball erlebt habe. Selbstverständlich wurde ihm auch während dem Spiel u.a. in Minute 13 – wegen seiner Rückennummer – mit Gesängen gedacht. Wer an diesem Tag keine Tränen in den Augen hatte, den kann ich auch nicht verstehen.
Eine ihrer wenigen Chancen konnten die Gastgeber für die Führung in der Mitte der ersten Halbzeit nutzen, jedoch glichen die Laziali zehn Minuten später aus, so dass es pari in die Halbzeit ging. Die erneute Führung für die Gastgeber ließ das Stadion explodieren und bis in die Verlängerung sah es so aus, als würde Cagliari dieses Spiel für sich entscheiden, doch die rot-blauen haben die Rechnung ohne Immobile gemacht, der praktisch mit dem Abpfiff dieses Tor erzielte. 
Eine lustige Anekdote gibt es noch am Rande. Eine Gruppe Kids wurde von Vereinsmitarbeitern in einer Art KidsClub betreut. Zusätzlich hatten die beiden Betreuerinnen und der begleitende Betreuer ein Megaphon, womit sie immer wieder Gesänge anstimmten, die die Kids nachsangen. Es war echt süß anzuschauen.
Nach dem Rückflug und einem kleinen Snack ging es für mich auch schon wieder ins Bett, da es für mich am Folgetag mit dem Flieger gen Düsseldorf Weeze gehen sollte, um von dort zu einer Tagung zu fahren.
Italien wird mich weiterhin sicher wiedersehen, mal schauen, was ich mir jetzt für Ziele nehme.


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