Baltikum Teil 2

von Andreas König

Nach Teil eins muss natürlich auch ein zweiter Teil kommen und den habt ihr nun vor Euch.
Vor diesem Trip fehlte mir von den drei baltischen Ländern nur noch Estland, welches ich nun mit dem Länderspiel der deutschen Mannschaft besuchen wollte. Natürlich wollte ich nicht nur für das Spiel hinfliegen, sondern auch noch ein kleines Programm drum herum haben, welches ich auch im Laufe der Vorbereitung schnüren konnte, jedoch kurzfristig noch einmal abgewandelt wurde.
Mit dem Flixbus ging es am Freitagmorgen gen Berlin, wo die Nacht zu Samstag in der Nähe vom Flughafen Schönefeld verbracht werden sollte, da am nächsten Morgen der Flieger gen Riga starten sollte, wurde ein Hotel in der Nähe vom Flughafen gewählt. Auch wenn es nicht die perfekte Örtlichkeit bildete, da das Hotel v.a. für den neuen Flughafen errichtet wurde, ließ es sich dank Taxi und Uber recht problemlos erreichen. Nach der Ankunft durfte eine klassische Currywurst nicht fehlen, was zu einem kleinen logistischen Umweg führte, welcher dank der Bauarbeiten an der Ubahn noch ein wenig verkompliziert wurde, aber die Currywurst und der Plausch mit Theo, einem wirklichen Berliner Original, war diesen Umweg definitiv wert. Einfach frei Schnauze legte er bei unserer Bestellung und anderen Kunden los. War genau nach meinem Geschmack.
Leider spielte mein Wunschziel „Tebe“ nicht am Freitag im Pokal, sondern nur Viktoria Berlin. Jedoch vereinbarte Hertha für den Freitagabend noch ein Testspiel im Stadionumfeld, so ging es aus Schönefeld einmal quer durch Berlin in den Westen der Stadt, um auf dem Trainingsgelände der Hertha sich ein Testspiel anzusehen. Der Gegner von Herthas zweiter Mannschaft, die immerhin Tabellenführer in der Regionalliga Nordost ist, war die Mannschaft von SpVg Blau-Weiss 90, die aktuell eine Liga drunter in der Oberliga Nord spielen.
Der ursprüngliche Verein Blau- Weiss stieg 1986 u.a. mit Holger Gehrke und Kalle „Air“ Riedle in die Bundesliga auf. Dazu empfehle ich den Artikel über den Förderer und Mäzen Hans Maringer aus Nürnberg, dieser kann hier abgerufen werden. Unter dem offiziellen Namen „Sportliche Vereinigung Blau-Weiß 1890 e. V.“ zog man in das Finale um die deutsche Meisterschaft 1920/21 gegen unseren Ruhmreichen ein. Dort verloren sie bekanntlich mit 0:5. Dieser Fusionsverein, der am 27. Juli 1927 durch Fusion des Berliner FC Vorwärts 1890 mit dem Berliner TuFC Union 1892 entstand, musste nach dem Lizenzentzug 1992 Konkurs anmelden und wurde somit aus dem Vereinsregister gestrichen. 1992 wurde auch ein Nachfolgeverein unter dem Namen SV Blau Weiss Berlin gegründet, welcher jedoch keinen Bezug zu dem vorherigen Verein hatte. Seit der Saison 2015/16 spielt der Verein wieder unter dem Namen Blau-Weiß 90 Berlin. Soweit ein kurzer Exkurs, welcher mit Infos von Wikipedia ergänzt wurde. Fusionen, Konkurse etc. gab es schon immer im Amateurbereich und ist u.a. mit Wattenscheid 09 aktueller den je. Aber dies ist ein anderes Thema, welches Seiten füllen würde. 

An sich hätte die zweite Mannschaft der Hertha eigentlich Favorit sein müssen und agierte zu Beginn auch so, jedoch wurden die Chancen nicht konsequent genutzt, wobei es eine gemischte Mannschaft aus U23 und U19 war, die so noch nie zusammengespielt hatte. Das Trainergespann setzt sich aus „Zecke“ Neuendorf und Malik Fathi zusammen, welche dem geneigten Fußball sicher noch ein Begriff sind. Vorerst gelang den Gastgebern nur das 1:0, welches noch vor der Pause sehenswert ausgeglichen wurde. Die Wechsel machten sich v.a. im weiteren Verlauf der zweiten Halbzeit bemerkbar, denn dort drehten die Gäste aus Mariendorf auf und erzielten drei weitere Tore und konnten somit als Sieger vom Platz gehen. Das Publikum war dabei sehr gemischt und auch der Getränkestand schloss sich scheinbar der Leistung der Mannschaft an und hatte ab Mitte der zweiten Halbzeit geschlossen.
Bei leichtem Nieselregen und aufziehendem Herbst ging es dann zurück in den ehemaligen Osten der Stadt, um dort den Abend ausklingen zu lassen. Denn da ich doch einige Freunde in Berlin habe, wurde der Abend natürlich noch genutzt, um sich bei einem Bierchen und einem Plausch noch den Abend zu vertreiben. So ging es jedoch nicht allzu spät zurück ins Hotel, da der nächste Tag ein langer werden sollte, da es über Riga am Ende nach Tallinn gehen sollte. Nach meinen positiven Erfahrungen bei meinem ersten Trip auf das Baltikum habe ich auch dieses Mal wieder auf Bolt als Transportmittel meiner Wahl zurückgegriffen, um vom Flughafen zum Spielort zu kommen. All dies verlief relativ problemlos. Natürlich sollten wir nicht die einzigen Zuschauer aus Deutschland sein, die sich dieses Spiel der zweiten lettischen Liga angesehen haben. Der Ground war nichts spektakuläres, aber das Spiel war nett anzusehen und am Ende auch besser, als ich es erwartet hatte. Denn die Nationalmannschaft hatte mich bei meinem ersten Besuch doch ziemlich desillusioniert.
Die Gastgeber von JDFS Alberts waren dominanter auf dem nassen, und damit tiefen und schlecht bespielbaren, Platz gegen die Mannschaft von Smiltene. So gingen sie auch verdient mit einer 1:0 Führung in die Pause. Zur Halbzeit lief dann Crazy Train von Ozzy Osbourne und ACDC, was eine wunderschöne musikalische Untermalung war, wobei ich mich bei der Lautstärke gefragt habe, ob die Mannschaften gleich neben den Lautsprechern in ihren Kabinen überhaupt reden können. Einen Kiosk o.ä. gab es nicht, aber da auch kein Eintritt o.ä. verlangt wurde, war dies zu verschmerzen. Einige andere Zuschauer – Touristen aus Deutschland – deckten sich in der Halbzeit mit Bier im Supermarkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein und tranken das Dosenbier im Stadion. Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit ist auf dem ganzen Baltikum verboten, so waren die Touris recht leicht zu identifizieren.
Scheinbar hatte es vor unserer Ankunft ausgiebig geregnet, denn auf den Straßen stand teilweise noch gut das Wasser. Aber glücklicherweise hatte es während der Zeit nicht geregnet. In der zweiten Halbzeit stellten die Gastgeber dank eines Elfmeters auf 2:0 und mussten im weiteren Verlauf nur noch den Anschlusstreffer hinnehmen und konnten somit das Spiel mit 2:1 für sich entscheiden. Wobei beide Seiten immer wieder auf kläglichste Art und Weise Chancen versiebt haben. In der Halbzeit gab es noch internationalen Hard Rock wohingegen nach Spielende mit Andrea Berg und Co. deutscher Schlager die gehenden Zuschauer beschallte. Daher hieß es v.a. für mich: So schnell es geht weg von hier. Nach einem kurzen Zwischenstopp im Supermarkt, wo wir uns mit Getränken und ein paar Kleinigkeiten eindeckten, ging es in die Innenstadt, um sich bei einer letzten Mahlzeit vor der Busfahrt noch zu stärken. Aufgrund des kleineren Zeitpuffers und längerer Wartezeit wurde es dann doch noch knapper als geplant. Trotzdem standen wir rechtzeitig im Busbahnhof, um mit Luxexpress gen Tallinn zu fahren. Dieses Mal sollten es knapp vier Stunden werden und mit Getränken ausgerüstet, wurde erstmal das Entertainmentangebot überprüft. Da es dieses Mal problemlos funktionierte und ich einen Platz für mich alleine hatte, wurde nach ein paar Liedern auf Thor 3 umgestellt, welcher in Englisch mit Untertiteln lief und eine perfekte Berieselung für die Fahrt darstellte. Die Fahrt dauerte noch weitere Zeit, so entschied ich mich für den neuen Tomb Raiderfilm, welcher letztes Jahr in den Kinos lief. Leider waren wir dann doch schneller in Tallinn, so dass ich den Film nicht zu Ende sehen konnte. Bei strömenden Regen und somit auch sehr bald nassen Klamotten wurde Bolt zur Rate gezogen, welches unter dem Namen Taxify in Tallinn gegründet wurde. Dank des freundlichen Fahrers kamen wir auch in unserem zentrumsnahen Hostel an, welches sich im Kellergeschoss eines mehrstöckigen Gebäudes befand. In letzter Zeit habe ich bereits an anderen Orten im Keller übernachtet, bin also diesbzgl. sehr flexibel und erprobt. Nach einem kurzen Abchecken der Gegend via Internet wurde sich auch gleich auf den Weg in eine naheliegende Bar gemacht. Was soll ich sagen??? Diese erste Bar des Abends war auf einem Niveau wie der Elbschlosskeller, goldene Handschuh o.ä. in Hamburg. Es hingen knapp eine Handvoll Gestalten im deutlich alkoholisierten Zustand in der Bar rum. Einer schlief bereits auf dem Sofa, zwei Damen waren auch nicht mehr nüchtern. Es wurde mehr russisch wie estnisch gesprochen. Also ein Bier und dann weiter. Es wird sich doch sicher noch was finden lassen. Bevor wir dies jedoch in die Tat umsetzen konnten, erlebten wir noch einiges. Mit In-Ear-Kopfhörern und einem Youtubevideo auf seinem Handy kam ein Este mittleren Alters an unseren Tisch in dieser kleinen Kaschemme. Erst dachte ich, dass er uns was zeigen o.ä. will, jedoch fing er dann etwas verrückt an zu tanzen und verrenkte dabei seinen Körper sehr akrobatisch. Teilweise als würde er gleich noch Limbo tanzen o.ä.. Zum persönlichen Wohlbefinden hat dies natürlich nicht beigetragen. In meinem Leben habe ich schon vieles mit Alkohol erlebt, so dachte ich zumindest. Jedoch hielt sich ein Este am Geländer fest und krabbelte buchstäblich die Treppe rauf in die Bar. Da hieß es dann für uns erst recht Abmarsch. Allgemein fühlten wir uns in der Bar nicht so wohl, weswegen wir diese Lokation auch nicht noch einmal aufsuchten. Die Zeit am Abend wurde scheinbar knapp, denn die eine oder andere Bar sollte zeitnah schließen, jedoch konnten wir noch ein paar Eindrücke der Stadt und des estnischen Bieres gewinnen. Wobei die sehr verschiedenen Öffnungszeiten mich doch etwas verwirrten. Auf der einen Seite haben Bars die gesamte Nacht offen, während andere bereits um Mitternacht o.ä. schließen. Der nächste Tag inklusive Spiel sollte fit begonnen werden, so ging es dann auch angemessen in die Unterkunft. Im Vorlauf habe ich so viel Positives von Tallinn gehört und das wollte ich auch für mich bestätigen. Die erste Enttäuschung des kommenden Tages war jedoch das Wetter. Es regnete und das auch teilweise nicht zu wenig, wobei wir vom größten Regen, während unseres leckeren Frühstücks in einem kleinen Café namens Reval – so hieß die Stadt bis zum 24. Februar 1918 – um die Ecke, verschont blieben. Im weiteren Verlauf des Tages sollte sogar auch die Sonne herauskommen, aber alles mit der Ruhe. Gestärkt ging es nach dem ausgiebigen Frühstück auf Sightseeingtour. Zuerst ging es auf den Domberg, um von dort einen schönen Rundblick auf die Stadt, Unterstadt und Hafen zu haben. Bereits von dieser Warte aus, konnte man die alten Kaufmannshäuser erkennen und allgemein zog die Silhouette der Stadt einen in den Bann. Bei leichtem Nieselregen ging es dann über das leicht glitschige Kopfsteinpflaster in die Unterstadt. Vorbei an hervorragend restaurierten Bürger-/Kaufmannshäusern etc. und durch kleine Gassen entlang der Stadtmauer. Einfach wunderschön und da auch noch die meisten Autos nicht in die Stadt fahren durften, war dies auch schön idyllisch. Bei unserem Spaziergang erreichten wir knapp außerhalb der ummauerten Altstadt einen alten Bunker. Aus dem wurde eine Bar mit einer kleinen Tanzfläche im Nebenraum. Am spannendsten fand ich jedoch das Originalinterieur inklusive einem KGB-angehauchten Aufklärungsfilm über das Verhalten bei Atomangriffen oder wie Opfer verarztet werden. Sehr spannend. Dazu gab es leckeres Bier und französische Chansons, die für mich nicht in das Setting passten, aber rundum eine nette Bar.
Nach dem dortigen Stopp wurde die innere Unterstadt erkundet, was auch bei der aufkommenden Sonne immer schöner wurde. Gestärkt wurden die restlichen Sehenswürdigkeiten besichtigt, um nach einem Besuch in einem Shop im Hafen noch ein wenig die Sonne und den Wind zu genießen. So gestärkt ging es zurück in die Unterkunft, um sich mit einer Freundin aus gemeinsamen Veroneser Tagen zu einem frühen Dinner in einem alten Kaufmannshaus zu treffen. Die regionale Küche und das selbstgebraute Bier waren ein Gedicht und so gestärkt und motiviert wurde noch in einer kleinen Bar unter Einheimischen am Tresen gesessen, um dann zu viert via Bolt für 4€ gen Stadion zu fahren. Rundum glücklich und rechtzeitig ging es dann gen Stadion, um den letzten baltischen Länderpunkt zu kreuzen. Das kleine Stadion hatte durchaus seinen Charme und die Freundin wünschte sich nur, dass es nicht so enden würde wie das Hinspiel. Dieses hatte die ehemals unter „Die Mannschaft“ firmierende deutsche Nationalelf mit 8:0 gewonnen. Schön eng und steil kommt es daher. Also genau das, was ein Stadion braucht, um eine positive Atmosphäre zu generieren. So wurde also während den Hymnen gestanden und sich auf das Spiel gefreut, wobei im ganzen Stadion Fans der deutschen Nationalmannschaft verteilt waren und nicht nur im eigentlichen Gästeblock. Trotz der technischen und spielerischen Überlegenheit gelang es den Gästen bis zur Halbzeit nichts aus ihren Chancen zu machen. Lieber wollte man in Schönheit sterben, während die Gastgeber immer wieder zielstrebig zügig nach vorne spielten, aber da der finale Pass nicht gut war, konnten auch diese Möglichkeiten nicht in Tore umgemünzt werden. So ging es torlos in die Halbzeit und bei einem kleinen Brotsnack – Brotsticks mit Knoblauch – wurde sich auf die zweite Halbzeit vorbereitet. Der frühe Platzverweis – der früheste für einen Spieler der deutschen Nationalmannschaft in der Geschichte – für Emre Can stellte natürlich manche Planungen des Trainerteams auf den Kopf.
Denn ein torloses Remis wäre zumindest für die Gastgeber eine wahrhaftige Sensation gewesen. Soweit sollte es jedoch nicht kommen, denn in der zweiten Halbzeit konnte sich die Gastmannschaft dank des Exclubspieler Gündogan am Ende verdient mit 3:0 durchsetzen. Viel Ruhm hatte dieses Ergebnis trotzdem nicht verdient. Aber drei Punkte sind am Ende drei Punkte. Zwar wird noch lange u.a. über Gündogans Like für den Militäreinsatz etc. diskutiert werden, aber am Ende zählten nur die Punkte.
So wurde sich versucht mit Exkollegen vor dem Stadion und später in der Stadt zu treffen, was leider nicht so gut funktionierte, da der Transfer in die Stadt sich als etwas komplizierter herausstellte. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, wurde in einem nahegelegenen Einkaufszentrum eine Spielhölle mit Schankbereich aufgesucht, um dem örtlichen Gerstensaft zu frönen bis sich die Transportpreise reguliert haben. So sollte es dann bei netten Gesprächen auch kommen. Es war einfach eine wunderbare entspannte Gesprächsrunde, die dann in einer weiteren Bar in der Innenstadt weitergeführt wurde, welche an sich eigentlich schon längst geschlossen hatte. Aber für uns noch zwei weitere Runden ausschenkte. Da wir jedoch noch motiviert für den Abend waren, ging es in eine naheliegende Karaokebar. Leider sangen die jungen Estinnen nur einheimische Lieder, weswegen es für uns keine Chance gab unsere Gesangeskünste auszuprobieren bzw. zum Besten zu geben. So verflog die Zeit wie im Fluge und die anschließende Nacht wurde recht kurz, da wir erst gegen vier Uhr in den Federn lagen und der Wecker kurz nach acht Uhr wieder klingeln sollte, da uns die Fähre gegen 10:30 Uhr nach Helsinki bringen sollte.
Am Vortag konnte das Ticket für die Fahrt noch nicht gelöst werden, so brachte uns unser Boltfahrer direkt zum Fährterminal, wo wir gegen Vorlage unserer Pässe und der Kaufbescheinigung innerhalb weniger Minuten unsere Tickets erhielten, um dann ähnlich wie beim Zug oder an manchen öffentlichen Nahverkehsterminals den Weg in Richtung Fähre antreten konnten.
Wie es in Finnland auf unserer Tour weiterging und was sich alles auf der Fähre abspielte, gibt es im nächsten Bericht.

Der Aufenthalt im Baltikum wird definitiv nicht der Letzte meines Lebens gewesen sein. Dazu habe ich v.a. von Riga noch zu wenig gesehen und bisher eigentlich fast nur die Hauptstädte und nichts von den anderen schönen Orten und der jeweiligen Landschaft.

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